Veranstaltungen und Events 2009
Genuss für Ohren und Augen
Ivana Bilić füllt das ÖBV-Atrium mit wuchernden Marimba-Klangfarben
Vertrauen, das auf Gegenseitigkeit beruht, ist nicht nur in versicherungstechnischer bzw. zwischenmenschlicher Hinsicht die optimale Voraussetzung für Erfolg, sondern nicht zuletzt auch in künstlerischen Belangen. Bestes Beispiel hierfür ist die nunmehr dreijährige Kooperation zwischen der ÖBV und dem Veranstalter-Team des kroatischen Musikfestivals.

Zur Vorgeschichte: Im Jahr 2007 kam die Querflötistin Jelena Mortgjija-Reiter (vom duo eXchange) auf die Idee, in der ÖBV anzufragen, ob das Atrium – für einen Abend – als Austragungsort für das seit 2004 alljährlich in Wien stattfindende kroatische Musikfestival vorstellbar wäre. Der Vorschlag traf auf (Musik)offene Ohren und der Grundstein für eine kontinuierliche, konstruktive Zusammenarbeit war gelegt.
Die Freude über diesen mittlerweile zum kulturellen Fixpunkt avancierten Konzertabend klang auch am 17. November 2009 in den Eröffnungsworten des Vorstandsvorsitzenden Mag. Josef Trawöger durch. Und dies, wie er anmerkte, konkret aus zwei Gründen: Einerseits, weil es sich hierbei um ein etabliertes Festival handelt, das aus dem Wiener Kulturkalender nicht mehr wegzudenken ist. Andererseits, weil das ÖBV-Atrium damit als Veranstaltungsort in einem Atemzug mit renommierten Häusern wie dem Konzerthaus, Musikverein oder dem Jazz-Club Porgy & Bess genannt wird. Kurzum: Ein Festival „das der ÖBV im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen ist“ und dank der guten Zusammenarbeit mit Festival-Leiter Davor Merkaš auch in diesem Jahr bestens über die Bühne ging.

Am Programm stand mit der Marimba-Spielerin Ivana Bilić ein wahrlich außergewöhnliches Konzert-Event. Zur Information: Die Marimba gilt als Nationalinstrument Guatemalas und ist ein in unseren Breiten sehr selten zu Gehör gebrachtes Schlaginstrument. Rein optisch an ein überdimensional großes Vibraphon erinnernd, sind die zweireihig angeordneten Klangstäbe allerdings nicht aus Metall, sondern aus Holz gefertigt, was einen sehr weichen und gleichzeitig vollen Klang ergibt. Bespielt wird das Instrument mit vier Schlagklöppeln. Gefragt sind somit Koordination, Anschlagstärke und Rhythmik – allesamt Talente, die Ivana Bilić im wahrsten Sinne des Wortes zur Meisterklasse brachte. Seit ihrem Studienabschluss an der Zagreber Musikakademie (1993), ist die Schlagwerkerin sowohl als Solistin als auch als Ensemblemitglied bei diversen internationalen Festivals vertreten.
Doch zurück zum Abend im ÖBV-Atrium: Den Auftakt machte Johann Sebastian Bachs Präludium in C-Moll. Ein Werk, das an sich für Laute konzipiert ist und von Ivana Bilić via Marimba in ein opulenteres Klangbild verwandelt wurde. Vom ersten Schlag an war der Zauber perfekt. Die Töne flossen trotz deutlicher Klangfarbenabstufungen letztendlich immer samtweich dahin und evozierten auf magische Weise sowohl im Raum, wie auch im inneren Ohr des Zuhörers/der Zuhörerin ein faszinierendes Echo. Analog zum ewig frei schwebenden Klang der Fantasie schienen Bilićs Kreativität in Sachen Interpretations- und Improvisationskunst keine Grenzen gesetzt zu sein. Ihre musikalische Annäherung an den Barock-Komponisten gipfelte in einem weiteren Werk, das ebenso als Entdeckungsreise in neue musikalisch harmonische Gefilde bezeichnet werden kann.
Aber nicht nur für die Ohren, war dieser Abend ein Genuss, sondern aufgrund der überaus aparten Art der Klangerzeugung auch für die Augen. Ein Zusammenspiel von Anmut, Temperament und Eleganz, das Ivana Bilić wohltemperiert zum Besten gab. Wobei an dieser Stelle einmal mehr auf die optimale Akustik des ÖBV-Atriums hingewiesen sei. Speziell der Klang der Marimba stellt nicht nur für die jeweiligen Interpreten, sondern nicht zuletzt auch an die Architektur des Ortes allerhöchste Anforderungen.

Nach der Hommage an Bach kamen Kompositionen von Zeitgenossen (u. a von Eric Sammut, Igor Kuljerić, Nebojša Živković, Steven Mackey) sowie von Ivana Bilić zur Aufführung. Und obgleich jedes Werk naturgemäß seinen eigenen Geist atmete, schien der gesamte Abend dennoch von einem gemeinsamen „Spirit“ durchweht. Man hatte schlichtweg den Wunsch, sich vom Rausch der Klänge mittragen zu lassen. Manchmal war man versucht, eine Melodie ausfindig zu machen, der man intuitiv folgen wollte (und konnte), dann wiederum bahnte sich der fließende Notenstrom gänzlich überraschende Wege, bog in neue harmonische Regionen, oder gipfelte majestätisch in einem einzigen finalen Klang. Einerlei, ob meditativ angehaucht, mit repetitiv minimalistischen Einflüssen versehen oder rhythmisch klar strukturiert: Die von Ivana Bilić mittels Marimba evozierten Klangfarben wucherten unverblümt im offenen Raum. Und hätte man es nicht mit eigenen Ohren gehört, würde man es kaum für möglich halten, dass der Ursprung all dieser Klänge von einer einzigen Klangquelle gespeist wurde. Mit anderen Worten: Musik, die mitunter den Eindruck vermittelte, als sei sie nicht von dieser Welt – aber glücklicherweise zumindest einen Abend lang im Atrium der ÖBV zu Gast.
Christine Dobretsberger;
Journalistin und Geschäftsführerin von LineaArt in Wien.
