Mit der ÖBV durchs Leben
Veranstaltungen und Events 2009
Florentina Pakosta: DREH-TÜRen aufstoßen
Grande Dame des österreichischen Kunstlebens im ÖBV-Atrium gewürdigt
Kurze Posaunenstöße gellen durch den Raum.
Die zeitgenössischen Fanfarenklänge des oberösterreichischen Improvisationsmusikers Bertl Mütter brechen sich an den gläsernen Fronten und markieren den Beginn eines festlichen Abends für die Künstlerin Florentina Pakosta, die im Vorjahr ihren 75. Geburtstag beging. Gerne folgen die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung und Präsentation von Pakostas neuestem literarischem Werk „DREHTÜR“ und wenden ihre Aufmerksamkeit von den Zeichnungen und Gemälden der vielseitigen Künstlerin vorübergehend ab, um bei der feierlichen Eröffnung eine große Dame des österreichischen Kunstlebens zu würdigen.
Florentina Pakosta wurde 1933 in Wien geboren – in einer Zeit der sozialen Härten und politischen Spannungen. Ihre vom Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg überschattete Kindheit und Jugend verbrachte sie in einem einerseits sozialistisch ausgerichteten, andererseits streng katholisch geprägten Elternhaus, dem sie den geschärften Blick auf alles Menschliche, Zwischenmenschliche und ihr soziales Engagement verdankt.
Es verwundert daher kaum, dass ihre ersten künstlerischen Äußerungen Menschenbilder sind – Zeichnungen und Gemälde von Außenseitern, dubiosen Gestalten in Wirtshäusern und Selbstportraits. Während ihrer Studienjahre auf der Akademie der bildenden Künste in Wien (Malereiklasse Josef Dobrovsky), versucht sie eigene Wege zu gehen und schaut genau auf das Werk anderer Künstler, die ihr in den Jahren des Lernens und Reisens (Amsterdam, Prag, Paris) begegnen. Schnell reagiert sie auf die sich nach dem Krieg neu formierende österreichische und internationale Moderne, rezipiert Modigliani, Picasso, vor allem Rouault, dessen Expression und sozialkritische Orientierung sie bewundert. In diese Zeit fällt auch das Erlernen des Handwerks: Pakosta erprobt und perfektioniert die unterschiedlichsten Techniken – Bister und Rohrfeder, Öl und Sand auf Leinwand, Eitempera auf Löschpapier, Radierung, Aquarell, Bleistift, Pinsel und Tinte. Üben, lernen, prüfen sowie der Wille sich ständig weiterzuentwickeln, sind bis heute Schlüsseleigenschaften, die Pakostas künstlerische Arbeit charakterisieren.
Die Jahre der künstlerischen Formung sind aber auch jene, in der sich Florentina Pakosta allmählich ihrer Grenzen als Frau im männlich dominierten Kunstbetrieb aufs Schmerzlichste bewusst wird. Es gilt in der Mitte der 1950er Jahre nach wie vor als besondere Auszeichnung für Frauen, an der Akademie studieren und Ehrenpreise (aus den Händen von ausschließlich männlichen Professoren) empfangen zu dürfen. Die Aufnahme in die damals einzig relevanten österreichischen Künstlervereinigungen, Secession und Künstlerhaus, ist bis in die 1960er Jahre nur Männern vorbehalten. „In meiner Studienzeit habe ich mich für Frauenrechte wenig interessiert. Erst als ich merkte, dass ich eine Betroffene bin, begann ich mich nach den Gründen meiner Betroffenheit zu fragen ... [Es] wurde mir klar, dass der Begriff der Freiheit der Kunst eine geschlechtsspezifische Freiheit meint, die auf undemokratische Weise einen Teil der Kunstschaffenden – die Frauen – ausschließt“, hält Pakosta 1991 ihre Erinnerung an diese schwierige Phase ihres Lebens fest, bei der ihr die Literatur Simone de Beauvoirs Anregung und Trost zugleich war. Ihr Engagement gilt fortan, neben der eigenen künstlerischen Arbeit, dem Aufstoßen von Türen für ihre Mitstreiterinnen – weg vom tradierten Bild der Muse und des passiven Modells zur ermächtigten Künstlerin.
1971 wird Florentina Pakosta Mitglied der Wiener Secession – ein Sieg! Sie engagiert sich künstlerisch und organisatorisch in dieser Künstlervereinigung, sitzt im Arbeitsausschuss und organisiert als Vorstandsmitglied Ausstellungen, wie die programmatische Schau „Secessionistinnen 1978“ oder jene über die Sammlung des legendären Stadtrats Viktor Matejka. 1979 findet in der Secession ihre erste umfassende Einzelausstellung in Wien statt. Dem Sichtbarwerden in der Öffentlichkeit durch Präsentationen im Kulturhaus Graz, in der Secession, der Albertina und der Österreichischen Galerie im Belvedere, begleitet von ersten umfassenden Publikationen, folgt auch die öffentliche Anerkennung.

Foto oben: Drei großformatige Porträt-Arbeiten von Florentina Pakosta im Seitenraum des ÖBV-Atriums. V.l. „Bildnis Alfred Hridlicka“, 1993, Kreide. „Lustig sein, lächeln!“ 1987-2004. Kreide. „Tief einatment!“ 1986-2005. Kreide
Die Tür zum Erfolg stößt die Künstlerin aber erst Mitte der 1980er Jahre, bereits 50jährig, auf: mit monumentalen, um das Motiv „Masse und Individuum“ kreisenden Portraitköpfen, die aus einer intensiven Beschäftigung mit dem Werk des Barockbildhauers Franz Xaver Messerschmidt hervorgehen. Inspiriert von dessen im Belvedere ausgestellten skurrilen Charakterköpfen begann Pakosta während der 70er Jahre selbst Gesichter und Köpfe als Grimassen darzustellen, sie in der Bleistift- oder Kreidezeichnung zu deformieren und surreal zu verfremden: Körper- und Gesichtsteile verdoppelten sich, aus Köpfen wuchsen Werkzeuge und Personen bewaffneten sich mit alltäglichen, in der Verfremdung jedoch gefährlich aussehenden Gegenständen. Geradezu obsessiv beschäftigt sich Pakosta viele Jahre mit diesen „Kopf-Montagen“, ihr eigenes Antlitz dabei nicht aussparend. Daraus entwickelt sie in weiterer Folge monumentale Köpfe individueller, bisweilen bekannter Persönlichkeiten, wie das Portrait des damaligen Albertina-Chefs Walter Koschatzky oder jenes des Künstlerfreundes und jüngst verstorbenen Bildhauers Alfred Hrdlicka. Letztere großformatige Kreidezeichnung ist, neben einem hämisch lachenden Frauenkopf und einem schmallippigen Kahlkopf, auch in der ÖBV zu sehen.
In der exakten Durchführung der Zeichnungen mittels Kreuzschraffur folgt Pakosta der Technik des Kupferstiches, welche ein enormes Maß an Präzision und Selbstbeherrschung erfordert. „Durch diese präzise, kontrollierte Darstellungsweise vermitteln die frontal, maskenhaft und unbeweglich wiedergegebenen Gesichter eine gewisse Gefühlskälte. Viele Betrachter empfinden in diesen Darstellungen auch ein bedrohliches Maß an Aggressivität. Dass die meisten der Dargestellten zudem Männer sind, verleitet wiederum viele Kunstkritiker zu der Mutmaßung, dass die Künstlerin sich diesen Motiven von einem feministischen Ansatz her annähert und die Dominanz männlich dominierter Strukturen und männlichen Imponiergehabes entlarvt“, äußert sich Dr. Franz Smola, Kurator der 2011 im Leopold-Museum stattfindenden Einzelausstellung Florentina Pakostas, in seiner Laudatio bei der Vernissage im ÖBV-Atrium treffend über die Wirkung der Monumentalköpfe.

Foto oben: „1993/7 – Baustelle“. 1993. Acryl auf Leinwand. Eines der beeindruckenden Trikolore-Bilder von Florentina Pakosta.
Waren Pakostas Arbeiten bis in die späten 1980er Jahre weitgehend gegenständlich und setzten sich mit der menschlichen Figur auseinander, so zeichnet sich 1989, dem schicksalsschweren historischen Wendejahr, eine neue motivische Orientierung ab. Pakosta setzt der Ostöffnung einen persönlichen stilistischen Bruch entgegen und wendet sich völlig der ungegenständlichen Darstellungsweise zu. Aufgewühlt von den aktuellen historischen Ereignissen und in Erinnerung an die Auf-, Um- und Zusammenbrüche der Kindheit entwickelt sie ein völlig neues Genre, nämlich die „Trikoloren Bilder“. Mit dieser Innovation variiert die Künstlerin konstruktivistische Struktur- und Farbkompositionen (reduziert auf maximal 3 Farbwerte) und erweitert ihr künstlerisches Spektrum in Richtung Konkrete Kunst. Florentina Pakostas konstruktivistische Farbstiftzeichnungen und Acrylmalereien dauern bis heute fort und bilden nach den Jahren figurativen Schaffens mittlerweile einen zweiten Schwerpunkt in ihrem Gesamtwerk – der dritte ist zweifelsohne die Literatur.
Schon früh beginnt Florentina Pakosta Gedanken über ihre bildnerische Arbeit in Worte zu fassen, jedoch finden sich bald auch Texte und Erzählungen, die über rein autobiografische Schilderungen und kunsttheoretische Überlegungen weit hinausgehen.
Im 2004 erschienenen ersten Erzählband, und noch viel mehr im am Vernissagenabend vorgestellten Band „DREHTÜR“, liefert Pakosta eindrucksvolle Milieuschilderungen aus der Welt der Arbeiter und Kleinbürger, die an ihre frühen Zeichnungen der späten 1950er Jahre erinnern. Pakosta berichtet von stickigen Gasthäusern und lauten Fabriken, von langweiligen Bürozimmern und engen Arbeiterwohnungen, von Tiermenschen und Menschentieren. Pakosta versteht es, in einer verdichteten, knappen Sprache ein ganz eigenes Kolorit, eine ganz besondere, oft auch surreale Atmosphäre einzufangen.

Foto oben: Dr. Franz Smola, Sammlungskurator der Leopold Museum-Privatstiftung hielt die Laudatio
„Meine Texte ergänzen meine realen und imaginären Bilder“, bringt Florentina Pakosta das Verhältnis zwischen ihren Prosatexten und Bildern auf den Punkt. Dem lebendigen Vortrag der Schauspielerin und Regisseurin Anna Hauer ist es zu danken, dass sich den Gästen der ÖBV zum bildnerischen Oeuvre nun auch eine Tür zu den neuesten schriftstellerischen Schöpfungen Florentina Pakostas eröffnet hat.
Mag. Maria Chrisine Holter
Kunsthistorikerin und -vermittlerin in Wien

Florentina Pakosta:
"Drehtür". Ritter Verlag.
ISBN: 978-3-85415-442-6
ca. 100 Seiten, brosch., 2009
