ÖBV – Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit – ÖBV Versicherung

Mag. Maria Christine Holter, Angelica Castello,  Lidia Fiabane,  Mag. Josef Trawöger, Mag. Eva Enichlmayr

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2010
Lidia Fiabane. Solitario.

ÖBV-Atrium
1010 Wien, Grillparzerstr. 14

Ein Kunstprojekt mit Publikumsbeteiligung

„Willst Du an meinem Projekt teilnehmen? Es ist ein multimediales Kunst- und Kommunikationsprojekt und ich möchte von Dir nur 3 Minuten Deiner Zeit“.

Mit dieser Aufforderung beschickte die Künstlerin Lidia Fiabane ihren internationalen Freundes- und Bekanntenkreis, vor allem aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Österreichischen Beamtenversicherung (ÖBV), da die Ergebnisse des Projekts SOLITARIO ja im Mai 2010 im ÖBV-Atrium präsentiert werden sollten.

Angelica CastelloDementsprechend groß war auch der Publikumsandrang am Vernissagenabend, den die Musikerin Angelica Castello mit ihren Improvisationen auf der Subgroßbassblockflöte und elektronisch generierten Klängen einfühlsam begleitete. „Solitario“ bedeutet im Italienischen so viel wie einsam, öde und verlassen, als Substantiv Einsiedler oder Außenseiter. Eine zusätzliche Bedeutung von „Solitario“ ist das Kartenspiel „Solitär“ – in Wien besser bekannt als „Patience“ – welches man, analog zum Kunstprojekt Fiabanes, alleine spielt. Im Gegensatz zur künstlerischen Beschäftigung Christian Rupps mit der Masse in der Ausstellung Schafsnaturen, ging es bei Fiabanes „Solitario“ nun um das auf sich gestellte Individuum.

Es ist typisch für das Werk der in Belluno im Veneto geborenen, seit vielen Jahren aber in Wien lebenden Künstlerin die Ambiguität der Sprache für die Vielschichtigkeit ihrer Kunstprojekte auszunützen. Fiabanes binationale Identität, sowie ihre Rolle als Frau und Künstlerin in der Gesellschaft ist wiederholt Thema der künstlerischen Auseinandersetzung.

Arbeiten von Lidia Fiabane

Großformatige Arbeiten von Lidia Fiabane im Seminarraum der ÖBV:  aus der Serie „IL CICLO DELL‘ACQUA“: LA CADUTA (re) und SISYPHOS , beide: 2008, Acryl auf Papierschichten , Kaltleim, Keilrahmen, 210 x 210 cm.

Wie bei Solitario gebrauchte Fiabane schon bei früheren Projekten (wie Italien/Österreich, 1994 und Mann/Frau,1998) als Mittel die Befragung und als Form der Präsentation die Installation – wobei ihre Installationen oft mehre Kunstgattungen wie Malerei, Collage und Objektkunst miteinander verbinden. Bei allen ihren Kommunikationsprojekten versucht Fiabane Menschen miteinzubeziehen, die mit Kunst normalerweise wenig oder nichts zu tun haben, um sie dadurch für die Kunst und ihre gesellschaftspolitischen Anliegen zu gewinnen.

Zurück zur „Spielanleitung“ und Chronologie von Solitario: Ausgangspunkt stellte eine Auswahl von 365 Fotos aus dem Fundus der Künstlerin dar. Dabei interessierten Fiabane nicht die in den Fokus gerückten Familienmitglieder und Bekannten ihrer Privataufnahmen, sondern vor allem jene anonymen Personen, die sich zufällig ins Bild verirrt hatten. Die unbekannten Fremden wurden aus ihrem Kontext gelöst und in 365 kleinformatige Gemälde transferiert, wobei jeder Person der selbe neutrale gelbe Hintergrund als Agitationsfeld zugewiesen wurde. Was nach rascher cut and paste art klingt, beschäftigte die Künstlerin jedoch für nahezu ein Jahr.

365 Bilder auf der Glaswand

Die im Atrium erstmals ausgestellten, 365 minutiös bemalten gelben Bildtäfelchen bildeten nun für die schon eingangs erwähnte E-Mail-Befragung die Grundlage. Die AdressatInnen erhielten die Aufforderung, sich für eine Zahl zwischen 1 und 365 zu entscheiden. Danach wurden die Mitspielerinnen und Mitspieler mit jenem Bild der Serie beschickt, das der gewählten Zahl entsprach, sowie mit zwei weiteren, die die Künstlerin für sie ausgewählt hatte.

Zu diesen drei Bildern sollten die Projektteilnehmer nun ihre spontanen Assoziationen in Form von Kurztexten oder Stichworten niederschreiben und an die Künstlerin zurücksenden.

Bereits zu jenem Zeitpunkt erfolgte für die partizipierenden Personen der Hinweis auf die Präsentation des Projektes Solitario in den Räumen des ÖBV-Atriums. Wie diese Präsentation genau aussehen und was Fiabane mit den Zitaten anfangen würde, das wussten die Teilnehmer-/innen natürlich nicht.

Beispiele, die erkennen lassen, wie humorvoll, aber auch ernsthaft und bisweilen höchst poetisch die Auseinandersetzung mit den einzelnen Bildern erfolgte, finden Sie unter Solitario - ein multimediales Projekt.

Texte als dreidimensionale Zitatmontage

Deshalb – und aus berechtigter Neugierde – waren viele von ihnen am Eröffnungsabend der Ausstellung Fiabanes im Atrium anwesend und konnten sich über das geglückte Resultat – eine Installation aus den 365 Gemälden und dem Metro/Maßstab, auf dem alle bei Fiabane eingelangten Texte als dreidimensionale Zitatmontage wiederzufinden sind –  freuen. Die Mitspieler wurden während der Laudatio mit tosendem Applaus bedacht, denn ohne sie wäre das Projekt eine zwar ästhetisch schöne, jedoch weitgehend inhaltslose Gemäldeinstallation geworden.

Die persönlich anwesenden und die nur in Form ihrer Statements präsenten Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben die Kunst Fiabanes mit Bedeutung erfüllt und zu etwas Besonderem und Unverwechselbarem werden lassen. Sie haben damit auch den 365 Unbekannten ihre Identität wiedergegeben, wenngleich es nur eine imaginäre und aus der Phantasie entsprungene ist. Sie haben sie durch ihre Kreativität mit Geschichte belegt, auch wenn die tatsächliche Historie dieser anonymen Frauen und Männer nicht mit der künstlichen oder künstlerischen übereinstimmen mag.

Foto: Lidia FiabaneLidia Fiabane ist es mit diesem durchaus als politisch zu bezeichnenden Projekt gelungen, aufs Deutlichste offenzulegen, wie sehr Identität und Geschichte von der optischen Erscheinung, dem ersten Eindruck und den daraus erwachsenden Assoziationen und Klischees bestimmt ist. Man darf nun hoffen, dass Solitario bald in Buchform erscheinen kann. Der Erfolg, der Lidia Fiabane mit dieser herausragenden Ausstellung im ÖBV-Atrium beschieden sei, möge ein erster Schritt dazu sein!

Mag. Maria Christine Holter
Kunsthistorikerin und –vermittlerin in Wien

Der Text ist die gekürzte Laudatio anlässlich der Vernissage.

Foto links: Damenquartett mit Vorstandsvorsitzendem Josef Trawöger.
v.l. Mag. Maria Christine Holter hielt die Laudatio auf die Künstlerin, Angelica Castello begleitete musikalisch elektronisch und mit der Subgroßbassblockflöte,  die Künstlerin Lidia Fiabane und ÖBV-PR-Referentin Mag. Eva Enichlmayr, Organisatorin der Ausstellung.

Lesen Sie dazu bitte auch:

Solitario - ein multimediales Projekt

 

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