ÖBV – Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit – ÖBV Versicherung

Margit Appel

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2010
(Un-)Sicherheit in der Krise

Nachdenkliches aus der Geschlechterperspektive.
Im Gespräch: Expertinnen für Wirtschaft und Meinungsbildung

Öffentlicher Dienstag 06.04.2010 um 19:00 Uhr

Wirtschaft feminin

Über die Aufholjagd von Frauen im Wirtschaftsleben

Josef TrawögerDie ÖBV hat Expertinnen aus Wirtschaft und Medien eingeladen, um sich Mitte April am „öffentlichen Dienst-Tag“ im Wiener ÖBV-Atrium mit der aktuellen Wirtschaftslage aus weiblicher Sicht auseinanderzusetzen. Josef Trawöger, Vorstandsvorsitzender der ÖBV, eröffnete den ersten Teil der Gesprächsreihe zum heurigen ÖBV-Veranstaltungsthema „(Un-)Sicherheit“. Es moderierte die ORF-Journalistin Renata Schmidtkunz.

Es ist alles sehr kompliziert: Das trifft nicht nur auf die Politik zu, sondern auch auf die Wirtschaft, gerade in so turbulenten Zeiten. Wer hat die Krise ausgelöst, haben wir sie bereits überstanden, hat sie uns überhaupt schon erreicht, wie wird die Welt nach der Krise aussehen? Deshalb lesen wir in den Medien seit Herbst 2008 kaum mehr etwas anderes. Diese Verwirrung ist dafür zuständig, dass bei vielen Menschen eine starke Verunsicherung entstanden ist. Wie sicher ist mein Arbeitsplatz, wie sicher ist mein Erspartes, worauf kann ich mich verlassen?

Also müssen Experten her. Journalisten, Analysten und Professoren sollen uns das erklären. Ich möchte ein Gedankenexperiment mit Ihnen wagen: Woran denken Sie, wenn Sie Journalisten, Analysten und Professoren hören? Vermutlich an Männer in guten oder weniger guten Anzügen. Da ist es schon legitim, wenn man fragt: Ist die Wirtschaft männlich? Manche behaupten, dass diese Krise gar nicht gekommen wäre, wenn mehr Frauen am Ruder säßen.

Eines ist unbestritten, Frauen können punkto Wirtschaftskompetenz noch einiges aufholen. Selbstverständlich gibt es Frauen, die große Konzerne leiten, die Staatsgeschicke lenken und in Vorständen sitzen. Aber könnten es nicht mehr sein? Wäre es nicht sinnvoll, wenn es mehr wären?

Margit Appel ist Bereichsleiterin für Gesellschaftspolitik bei der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe). Sie sprach die einleitenden Worte bei der Veranstaltung im ÖBV-Atrium am 6. April.

Dabei zählte sie Namen von Wirtschaftswissenschaftler/-innen auf. Die Männer darunter sind bekannt, die Frauen kaum. Es gibt erfolgreiche Ökonominnen, aber sie stehen im Schatten. Eine Ursache dafür könne sein, dass sich Frauen nicht immer leicht oder selbstverständlich ins Rampenlicht stellen. Besonders in männerdominierten Bereichen wie der Wirtschaft können manche Frauen gar nicht richtig durchstarten. Die ksoe bietet daher einen Lehrgang für Frauen mit dem Schwerpunkt Wirtschaft an. Neben dem Berufsleben sollen Frauen erlernen sich einzumischen, zu argumentieren und die Fäden in die Hand zu nehmen. Die ÖBV vertritt diesen Lehrgang als Kooperationspartner. Schließlich verbindet die ksoe und die ÖBV eine gemeinsame Wertevorstellung, nämlich die Idee der Solidarität.

Hedwig SchneidDamit geht es auch gleich in die Diskussionsrunde. Hedwig Schneid, Wirtschaftsredakteurin bei „Die Presse“ erkennt in der Krise kein Geschlechterproblem, sondern viel mehr ein Generationenproblem. Ältere Menschen sind versucht, ihr ganzes Geld nur mehr unter der Matratze zu horten, weil sie das von früher kennen. Jugendliche nehmen das Wort Pension nicht einmal mehr in den Mund, weil sie an so eine Perspektive für sich gar nicht mehr glauben. Und jene mittleren Alters sind noch am sorglosesten, nach dem Motto: das wird schon irgendwie wieder werden. Von Solidarität unter den Generationen kann also seit der Krise keine Rede mehr sein. Julia Ortner, Redakteurin beim „Falter“, kann der Krise doch etwas Solidaritätsförderndes abgewinnen. Slogans wie „Mehr privat, weniger Staat“ werden jetzt auch von wirtschaftsliberalen Geistern überdacht. Der Staat bekommt wieder mehr Bedeutung.

Monika GrafEine konstruktive Diskussion zum Thema Sozialstaat wäre angebracht. Monika Graf von den „Salzburger Nachrichten“ plädiert in diesem Zusammenhang für eine kontrollierte Regulierung. Das Wirtschaftssystem soll nicht verteufelt werden, sondern überwacht. Wenn sich Banken vom Staat Geld holen, dann ist das noch keine Garantie für reguliertes Wirtschaften. Die aktuell von der Politik beschlossene Bankensteuer bringe nicht die so dringend notwendige Regulierung mit sich. Auch Karin Bauer, Ressortleiterin bei „Der Standard“ kann seit Beginn der Krise keine positive Entwicklung ausmachen. Es fehlt an Strukturreformen. Die größte Angst der Menschen ist immer noch, dass von heute auf morgen ihr Geld futsch sein könnte.

Renata SchmidtkunzModeratorin Renata Schmidtkunz möchte die Krise als Chance sehen. Wir könnten jetzt alt eingefahrene Zugänge aufbrechen und neue Sichtweisen schaffen. Dazu könnte auch gehören, in Zukunft Frauen vermehrt mit Wirtschaftsthemen in Zusammenhang zu bringen. Doch das Podium ist sich einig, dass gerade Frauen im Bereich Wirtschaftskompetenz aufholen müssen. Ein kleines Experiment im Publikum beweist es. Alle Frauen, die regelmäßig die Wirtschaftsseiten der Zeitungen lesen, sollen die Hand heben. Und ganz ehrlich, es waren sehr wenige Hände oben. Woran das liegt ist unklar, denn auf der anderen Seite sind die Wirtschaftsressorts der Zeitungen mehrheitlich von Journalistinnen besetzt. Expertinnen gibt es also, aber die breite Masse traut sich nicht in das männerdominierte Wirtschaftsthema einzutauchen. Dem entgegen zu steuern, wird eine lange Entwicklung sein, die noch einige Generationen dauern wird.

Julia Ortner, Doris Bauer
Julia Ortner, sozial- und innenpolitische Redakteurin der Wochenzeitung „Falter“, und Doris Bauer, Leiterin des Karriere-Ressorts der Tageszeitung „Der Standard“.

Man kann sagen, die Krise ist männlich, weil Männer sie verursacht haben. Die Zentren der Macht sind nun einmal hauptsächlich von Männern besetzt. Das könnte damit zusammen hängen, dass sie besser netzwerken, selbstverständlicher an Führungspositionen herantreten und Öffentlichkeit besser vertragen.

Publikum
Das Publikum nützte die Gelegenheit für Fragen und Diskussionsbeiträge, ….

Man könnte auch sagen, die Krise ist männlich, weil Männer die Hauptleidtragenden der Krise sind. Betroffen sei ja in erster Linie die Industrie und so hätten 75 Prozent aller verloren gegangenen Jobs einmal Männern gehört. In der Dienstleistungsbranche seien die Jobs nicht so wackelig. Hier arbeiten traditionell eher Frauen, und dieser Sektor hält uns jetzt. Das hat aber wenig mit dem geschickten, weiblichen Denken zu tun – das ist eher eine Frage der Tradition.

Die Erfahrung zeigt aber, dass gemischte Teams erfolgreicher sind. Vorstände und Aufsichtsräte, aus Männern und Frauen zusammengesetzt und mit unterschiedlichen Erfahrungen ausgestattet, bringen eher Stabilität. Dahin geht auch der Trend.

Damenrunde
… welche die hochkarätig besetzte Damenrunde gerne beantwortete

Was können Journalistinnen tun, um auf Frauen und ihre Kompetenzen aufmerksam zu machen? Die Antwort der Expertinnen ist eindeutig: berichten, berichten, berichten – aber nicht in einer eigenen Rubrik. Es führt nur eine integrierte Berichterstattung zum Ziel. Frauen sind schließlich keine Sonderlinge, die einen eigenen Platz brauchen. Die gute Geschichte zählt, und wenn diese von einer Frau geliefert wird, umso besser! Karin Bauer bringt es auf den Punkt: Feminismus als Ideologie ist nicht wichtig – dass etwas Gutes geschieht, das ist wichtig.

Man kann aber nicht darüber hinwegsehen, dass das Bild der Wirtschaftskompetenz in unseren Köpfen mehr Weiblichkeit verträgt. Auch Journalistinnen und Medienmacher müssen sich immer wieder bemühen, Expertinnen zu finden und einzuladen. So, wie auch die ÖBV das getan hat.

Am 23. November 2010 um 18 Uhr wird der zweite Teil der Gesprächsreihe zum Thema (Un-)Sicherheit in der Krise mit dem Schwerpunkt Geld, Kultur und Ethik im ÖBV-Atrium stattfinden. Dann wird sich eine Männerrunde unter der Leitung von Renata Schmidtkunz zusammenfinden. (Sandra Maierhofer)

Sandra Maierhofer ist freiberufliche Redakteurin in Wien und Assistentin von Markus Kupferblum.

Foto links: Margit Appel, Leiterin der Frauenakademie der ksoe

2. Veranstaltung am:
23.11.2010
Nachdenkliches aus der Geschlechter-perspektive. Im Gespräch: Experten für Geld, Kultur und Ethik