ÖBV – Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit – ÖBV Versicherung

Foto: Renata Schmidtkunz, Mag. Josef Trawöger, ÖBV-Vorstandsvorsitzender und Dr. Markus SchlagnitweitÖBV-Veranstaltungen und Events 2010
(Un-)Sicherheit in der Krise

Der Markt ist ein Spiel und ist kein Spiel
Der männliche Blick auf die Wirtschaftskrise

Mitte November schloss sich der Bogen der Diskussionsreihe „(Un-)Sicherheit in der Krise“ im Rahmen des „Öffentlichen Dienst-Tags“ im Atrium der ÖBV. Es diskutierten Dr. Markus Schlagnitweit, Priester und Vertreter der Katholischen Sozialakademie (ksoe) sowie Mitglied in Ethik- und Veranlagungsbeiräten und Mag. Josef Trawöger, Vorstandsvorsitzender der ÖBV. Renata Schmidtkunz, bekannt aus Funk und Fernsehen, leitete die Diskussion.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die uns 2008 erschütterte, war in gewisser Weise traumatisch für viele Menschen. Ein derartiger Einschnitt in das System hätte auch langfristige Änderungen bringen können. Doch zwei Jahre danach müssen wir feststellen, dass die Finanzwelt agiert, als wäre nichts gewesen. Eine Erholung bedeutet in diesem Fall: Zurück zu alten Mustern. Die Diskussion versuchte hervorzuheben, ob sich zumindest gesellschaftliche Paradigmen geändert hätten.

Ist die Krise – und was von ihr noch spürbar ist – eine Folge des männlichen Verstehens von Wirtschaft? Dabei zeigt sich, dass die Krise nicht zuerst durch die Genderbrille analysiert wird. Dr. Schlagnitweit betont, dass eine Unterscheidung der männlichen und weiblichen Sicht auf die Wirtschaft generell schwer machbar sei. Es geht ihm vielmehr um die Frage, wofür das ganze System eigentlich gut sei. Das ist eine Frage, die sich Frauen als analytische Kräfte möglicherweise eher stellen als Männer. Der Finanzmarkt ist ein Spiel und ist kein Spiel. Der blinde Erfolgs- und Konkurrenzkampf stellt möglicherweise eine eher männliche Eigenschaft dar.

Die Kraft, von der die Akteure der Wirtschaft angetrieben werden, heißt Macht. Um mit der richtigen Ellbogentechnik punkten zu können, muss man das Konkurrenzdenken schon inhaliert haben. Weder Männer noch Frauen kommen ohne aus, wenn sie in der Finanzwelt etwas zu sagen haben wollen. Was er oder sie dann mit dieser Position erreicht und wie diese genutzt wird, das ist der Maßstab, der angelegt werden sollte.

Was ist Sicherheit? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Für den einen bedeutet es Sicherheit, ausreichend Geld zu besitzen, der nächste besteht auf ein festes soziales Netzwerk aus Freunden und Familie und der dritte fühlt sich nur sicher, wenn Polizisten vor seinem Haus patrouillieren. Mag. Trawöger fasst eine Definition so: Sicherheit ist die Abwesenheit von destabilisierenden Faktoren. Persönlich gibt es ihm Sicherheit, wenn das Morgen nicht ungewiss ist. Dr. Schlagnitweit ergänzt, dass es vielen Akteuren der Finanzwelt Sicherheit vermittelt, im Konkurrenzkampf eine gute Poleposition zu haben. Als Priester ist der Konkurrenzdruck gering, in diesem Fall werden Beziehungen und Vertrauenspersonen als Sicherheitsgeber wichtiger.

It’s a man´s world. Renata Schmidtkunz versucht die männlichen Diskutanten mit folgenden Aussagen aus der Reserve zu locken: Unter den einflussreichsten Oligarchen befindet sich keine einzige Frau und die drei weltweit lukrativsten Möglichkeiten, Geld zu machen, sind Drogen-, Waffen- und Frauenhandel. Sie unterstellt, dass Frauen also doch einen benachteiligten Stand im globalen Wettkampf hätten. Mag. Trawöger widerspricht vehement, da es sich bei diesen drei Sparten um kriminelle Energien handelt, die außerhalb unseres Wertesystems stehen. Die russischen Oligarchen wiederum sind deshalb überwiegend männlich, weil sie zur Zeit des Zusammenbruchs der Sowjetunion schon weiter vorne lagen. Frauen hatten in diesem Punkt nicht dieselbe Ausgangsposition. Historisch und anthropologisch lässt sich dieser immer wiederkehrende Umstand durch die körperliche Unterlegenheit der Frauen gegenüber Männern erklären.

Dr. Schlagnitweit beobachtet, dass sich Männer grundsätzlich an Werten wie Erfolg, Macht und Einfluss messen. Die Mittel und Wege, um dies zu erreichen, werden von Männern aber eher schwach reflektiert. Frauen handeln eher zielorientiert. Das könnte damit zusammenhängen, dass Frauen im Bereich der Subsidiaritätswirtschaft, also was die Selbstversorgung und das tägliche Leben betrifft, viel selbstverständlicher Höchstleistungen erbringen als Männer. Männer hätten hingegen die Marktwirtschaft erfunden, deren Spielregeln nichts mit Sinnfragen zu tun haben. „Wirtschaft“ ist ja ein Überbegriff für viele Aspekte, das meinen nicht nur die Börse und die Oligarchen.

Wann wird ethisch vertretbares Investment zur Selbstverständlichkeit? Es gibt Fonds, die als „moralisch sauber“ bezeichnet werden. In solchen sind Unternehmen vertreten, die Regionen oder Arbeitnehmergruppen nicht ausbeuten, sondern auf faire Verhältnisse achten. Dabei entstehen zum Teil gleich profitable Renditen wie bei anderen Investments, jedoch ergeben sich durch die aufwändigere Administration Zusatzkosten, die den Gewinn senken. Wird es auf dieser Basis möglich sein, eines Tages den Großteil der Finanzwirtschaft darauf zu sensibilisieren oder gar umzustellen?

Aus Sicht eines Vorstandsvorsitzenden erklärt Mag. Trawöger, dass ökonomischer Erfolg maßgeblich ist, damit einem die Kunden treu bleiben. Der Alltag eines Vorstandsvorsitzenden ist es, darauf zu achten, innerhalb der Spielregeln des Wirtschaftssystems gut bestehen zu können. Mehr ethisch saubere Fonds ins Boot zu holen und auf die Gleichbehandlung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu achten, ist wichtig, entscheidet aber in letzter Instanz nicht über die Position im Wettbewerb. Als Verantwortlicher gegenüber den Kunden kann man keinen Mut zum Experiment zeigen. Veränderungen hin zu mehr sauberen Fonds und ethisch korrektem Investment müssen aus der Gesellschaft heraus kommen. Wenn die Kunden das wünschen und das Risiko in Kauf nehmen wollen, dann geht viel, aber das ist (noch) nicht der Fall.

Die Marken „Bio“ und „Fairtrade“ sind heute gesellschaftlich etabliert, da hat sich viel getan. Es ist eine Vision für die kommenden Jahre, eines Tages eine Ethikmarke für Investments geschaffen zu haben, die sich in den Köpfen der Kunden ähnlich gut etabliert wie „Bio“. Die größte Hürde dabei ist, den sinnvollsten Maßstab dafür zu finden. Bei ökologischer Landwirtschaft lassen sich recht einleuchtende Kriterien ableiten, bei moralisch sauberen Investments ist das ungleich schwieriger. Sogenannte Nachhaltigkeitsrating-Agenturen sind heute damit beschäftigt einen sinnvollen Solidaritätsmaßstab zu entwickeln, der diese Idee überhaupt erst realisierbar macht. Die ÖBV versucht heute schon in Richtung Ethik zu gehen, es ist ein sanfter Versuch, der auf Seiten der Kunden in den kommenden Jahren hoffentlich regen Anklang findet.

Sandra Maierhofer
freiberufliche Redakteurin in Wien

Julia Binder und Univ.-Prof. Dr. Christian Vielhaber

Fotos oben: Das Publikum diskutierte rege mit. Im Bild links: Julia Binder, Regionale Vertriebsleiterin ÖBV. Bild rechts: „Gibt es ein richtiges Leben im falschen?“ Univ.-Prof. Dr. Christian Vielhaber zitiert Theodor W. Adorno.

Foto links: Mag. Renata Schmidtkunz, Moderatorin, Mag. Josef Trawöger, ÖBV-Vorstandsvorsitzender und Dr. Markus Schlagnitweit, Experte für Geld und Ethik, ksoe

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