ÖBV – Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit – ÖBV Versicherung

„Schafsnaturen“ – Christian Rupp verteilte Masken an die Vernissagenbesucher/-innen

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2010
Schafsnaturen. Oder: Der Wolf im Kunstpelz.

Zu Christian Rupps künstlerischen Interventionen im ÖBV-Atrium.

„Keine Meinung“ prangt unübersehbar auf dem Schaffell, das der junge Wiener Künstler Christian Rupp im Foyer der Österreichischen Beamtenversicherung (ÖBV) positioniert hat. Die weißen Lettern auf rotem Feld sind von jener Typografie, die Österreichs „meistgelesene Tageszeitung“ tagtäglich am Cover ziert – einer von vielen subversiven und intellektuell erfrischenden Kommentaren, die Christian Rupps Kunst unverwechselbar macht und mit denen er auf das Jahresthema der ÖBV-Veranstaltungen 2010 „Wieviel (Un-)Sicherheit braucht der Mensch?“ reagiert hat.

So mischt der (Kunst)Wolf die (Vernissagen)Herde schon eingangs kräftig auf, zumal sich Rupp selbst und einigen überraschten Eröffnungsgästen die Schafsmaske über den Kopf stülpt. In der Masse der „Schafsnaturen“ untergetaucht verfolgt er die Saxophon-Performance von Bernhard Schneider und die Laudatio von Carl Aigner, dem Direktor des NÖ Landesmuseums.

Bernhard Schneider, Jacqueline Chanton, ÖBV-Vorstandsvorsitzender Josef Trawöger, Carl Aigner

Foto oben: „Gruppenbild mit Dame“. V.l. Bernhard Schneider, Jacqueline Chanton, ÖBV-Vorstandsvorsitzender Josef Trawöger, Carl Aigner

„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hieß es, die Museen seien die neuen Kathedralen der Gegenwart. Spätestens seit 1945 gilt: Die Kathedralen der Gegenwart sind die global agierenden Unternehmen mit ihren gigantischen Architekturen bis hin zur perfekt durchkomponierten ‚Corporate Identity‘ und dem, was wir gemeinhin als ‚Logo‘ bezeichnen“, beginnt Aigner seine Überlegungen zur Kunst von Christian Rupp.

„Je mehr wir Massenkultur geworden sind“, fährt Aigner in seiner Rede fort,“ desto größer wird das Verlangen sich zu individualisieren. Das gilt auch für den Bereich der Wirtschaft und des Marktes. Die Individualisierung geschieht dort im Wesentlichen über das Moment des Logos, für dessen Entwicklung Unmengen an Geld und geistiger Kapazität von den Unternehmen aufgewendet werden.“

Tatsächlich sind wir Teil einer durch und durch kommerzialisierten und ökonomisierten Gesellschaft geworden. Diese oft schmerzlich fühlbare Entwicklung manifestiert sich nicht zuletzt im Phänomen der massiven visuellen Umweltverschmutzung. Letztere wird, im Gegensatz zu exakt messbaren Umweltbelastungen, jedoch nahezu kritiklos hingenommen.

Der Künstler Christian RuppGenau dort setzt Christian Rupp mit seiner Kunst an. Als „Thirtysomething“, der seine akademische Laufbahn mit dem Studium der Technischen Physik in Wien begann, sich aber vor dem Abschluss zu einem Wechsel an die Universität für angewandte Kunst entschloss und seine interdisziplinäre Ausbildung durch Auslandsstudienaufenthalte ergänzte, kann er jener Künstlergeneration zugerechnet werden, in deren Lebenswelt Logos und Slogans zu einem integrativen Bestandteil kultureller Erfahrung geworden sind.

Rupps künstlerische Strategie folgt den in der Gegenwartskunst häufig anzutreffenden Prinzipien der Irritation in Form von Provokation und Camouflage. Dazu instrumentalisiert er genau jenes visuelle Medium, das im Zentrum seiner künstlerischen Aufmerksamkeit und Kritik steht, das Logo: visuell stark auf Signalwirkung angelegte Zeichen oder Buchstabenkombinationen, die für ein spezifisches Unternehmen stehen, sie geradezu ersetzen. In den Werbebotschaften werden Markenzeichen mit Emotionen, Werten, Stimmungen, Adjektiven usw. „aufgeladen“, also an sehr präzise definierten Stellen im Gedächtnis positioniert, weshalb man auch von „brandings“ spricht, weil sie in unsere Köpfe förmlich eingebrannt werden. Dieser Prozess spielt sich, gewolltermaßen, großteils jenseits der bewussten Wahrnehmung ab.

In der Serie der Kinderzimmertapeten verwendet Rupp „brandings“ von Firmen wie Puma, Shark, Agip ... als gefällig bunte Streumuster. Oder er löst sie in ihre grafischen Bestandteile auf und setzt sie als eigene Motive neu zusammen. Der ornamentale Charakter dieser Manipulationen lenkt massiv von der ökonomischen Ausgangsbotschaft der Logos ab, verharmlost sie, so dass bei raschem Hinsehen tatsächlich der Eindruck einer netten, fröhlichen Kinderzimmertapete entsteht, zumal Rupp seine fortlaufenden Computerausdrucke auch noch auf Rigipsplatten affichiert und sie, wie aus einer Wand herausgebrochen, mit ausgefransten Rändern präsentiert.

Carl Aigner, Direktor des NÖ Landesmuseums„Die Irritation und Subversion gelingt Rupp gerade deshalb“, so Aigner, „weil man bei den Logos – im Gegensatz zu seinen Werken – ja mit einem Blick erkennen sollte, um welches Unternehmen es sich handelt und was man als potentieller Konsument zu tun hat, nämlich schafsköpfig in einen Kaufrausch zu verfallen und damit unsere Wirtschaft zu beleben!“

Die Lockerheit, mit der Christian Rupp mit Logos und Slogans jongliert, damit harmlose Tapeten kreiert oder idyllische Landschaften komponiert (Lost Paradise), setzt sich auch im Hauptwerk der Ausstellung, dem eigens für das ÖBV-Atrium angefertigte Kirchenfenster mit dem Titel Branded  fort: Wie eingangs von Carl Aigner so treffend charakterisiert, stehen wir als konsumgläubige Betrachterinnen und Betrachter nun nicht mehr andächtig vor christlichen Altären, sondern huldigen Firmenheiligtümern, die etwa dem als Clown gewandeten „Hl. Ronald Mc Donald“ samt den Attributen der „dreieinigen Wirtschaftsheiligkeit“ geweiht sind.

Besucherinnen der Ausstellung

Doch Rupp kann auch anders. Viel weniger vordergründig bringt der Künstler in der fotografischen Serie „Invasion“ seine Kommentare zu Konsumgesellschaft, Masse und Individuum an das Publikum. Zwei Beispiele daraus zeigen verödete griechische Strände mit Gruppen weißer Plastikstühle und -liegen, die scheinbar ihrer Inbesitznahme harren. Die Aufnahmen sind jedoch vollkommen menschenleer. Der Banalität der Stühle am Strand, der anonymen Masse, ist eine 12-teilige Serie von einzeln fotografierten weißen Plastiksesseln entgegengesetzt. Sie sind gleichsam im Portrait aufgenommen und zeigen bei genauem Hinsehen auch Züge von Individualität – wenngleich es sich dabei vor allem um die Zeichen der Zeit und die Spuren des Verfalls handelt.

Jede Gesellschaft ist gekennzeichnet von einer Balance zwischen dem  Individuum und der Gemeinschaft. Je mehr die Gesellschaft in die eine oder andere Richtung tendiert, desto mehr generiert sie Probleme und Konfliktpotential.“ (C. Aigner)

SCHAFSNATUREN, die bissig – humorvolle, jedoch auch sehr nachdenklich stimmende Ausstellung von Christian Rupp bringt dieses soziologische Diktum künstlerisch auf den Punkt.

Schafsnaturen ist die erste von drei Ausstellungen im Atrium, die unter das ÖBV-Jahresthema „(Un-)Sicherheit“ gestellt wurde. Es folgen die Präsentation SOLITARIO von Lidia Fiabane im Mai und eine Personale mit neuen Arbeiten von Ernst Skrička im Oktober. Masse und Individuum, Sicherheit und Unsicherheit sind gesellschaftspolitisch relevante Themen, die nicht nur in einem Versicherungsunternehmen wie der Österreichischen Beamtenversicherung eine wichtige Rolle spielen, sondern sich in der Kunst der Gegenwart prägnant manifestieren.

Mag. Maria Christine Holter
Kunsthistorikerin und –vermittlerin in Wien.

Bild links: „Schafsnaturen“ – Christian Rupp verteilte Masken an die Vernissagenbesucher/-innen und verbarg sich auch selbst dahinter. Seine kleine Tochter konnte er aber nicht täuschen …

Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit