Mit der ÖBV durchs Leben
ÖBV-Veranstaltungen und Events 2010
Ernst Skrička. Inne sein.
Im Zeichnen dem Innersten nachspüren …
Ein großer österreichischer Künstler, der Zeichner und Radierer Ernst Skrička, wurde mit einer Ausstellung im ÖBV-Atrium gewürdigt. Der 1946 in Wien geborene und seit einigen Jahren ständig in Heinrichs bei Weitra lebende Künstler hat seit jeher den Menschen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen gestellt. Dabei wird das Menschsein in all seinen physischen und psychischen Dimensionen beleuchtet. Die eigene Befindlichkeit wird über die zeichnende Hand ins Bildhafte übersetzt.
Die festliche Vernissage am 19. Oktober 2010 eröffnete der ÖBV-Vorstandsvorsitzende Mag. Josef Trawöger.

Prof. Angelica Bäumer hielt die Laudatio und für musikalisch spritzige Umrahmung sorgte das Streicherinnentrio „netnakisum“. ÖBVaktiv führte mit dem Künstler, dessen Ausstellung bis Mitte Jänner 2011 zu sehen ist, das folgende Interview.
ÖBVaktiv: Herr Prof. Skrička, gestern wurde in der ÖBV Ihre Ausstellung INNE SEIN mit einem Fest für alle Sinne eröffnet. Sind Sie auch am Tag danach noch zufrieden?

Ernst Skrička: Die Ausstellungseröffnung habe ich prächtig gefunden! Sie war sehr gut besucht, die drei steirischen Musikantinnen von „netnakisum“ waren in Spitzenform und sind vom Publikum auch dementsprechend akklamiert worden. Meine Arbeiten sind ausgezeichnet gehängt, ganz in meinem Sinne. Also, ich habe das als eine ganz runde Sache empfunden.
ÖBVaktiv: Inwieweit hat sich die doch sehr dominante Architektur des Atriums auf die Auswahl und Hängung der Exponate ausgewirkt?
Ernst Skrička: Ich kannte ja das Haus schon und bin auch nochmals extra dafür hergekommen, um die Räumlichkeiten auf mich wirken zu lassen. Ich finde die Architektur hier ausgesprochen interessant und spannend, aber sie ist auch verlangend! Sie ist eine Herausforderung, weil man hier mit sparsamen Formaten allein untergehen würde. Besonders hinsichtlich des Atriums war mir ganz bewusst, dass ich dafür etwas Eigenes, ganz Spezielles schaffen würde müssen – und das habe ich auch getan, in Form von sechs großen Pinselzeichnungen auf schwerem spanischen Bütten mit dem Titel „Inne Werden“.
ÖBVaktiv: Damit sind wir auch schon beim Ausstellungstitel INNE SEIN – eine sehr offene Formulierung, die viele Assoziationen zulässt …
Ernst Skrička: Das ist wahr. Ich gebe Titel, um die Zeichnungen oder Radierungen, die zunächst namenlos auf die Welt kommen, wie Kinder zu taufen. Bei der immer am Ende stehenden Titelgebung läuft ein Klärungsprozess für mich ab, bei dem ich innehalte und überlege: Was liegt hier vor? Wie kann ich es nennen, um dem Publikum auch verbal eine Einstiegshilfe zu geben, ohne gleichzeitig zu sehr einzuengen?
Beim Ausstellungstitel INNE SEIN wollte ich dem Publikum zwar im Groben einen Weg anzeigen – dass es hier darum geht, wach zu sein für die eigene Befindlichkeit und das In-sich-Hineinhorchen, aber mit der Offenheit, niemanden beim Schauen dadurch festzulegen.
ÖBVaktiv: Wie haben Sie zu Ihrer ganz persönlichen, für Sie charakteristischen, kürzelhaften Zeichensprache gefunden? Hatte bereits Ihre Ausbildung an der Meisterschule für Grafik bei Prof. Max Melcher an der Akademie der bildenden Künste in Wien einen gewissen Anteil daran?
Ernst Skrička: Ja, tatsächlich. Ich bin innerhalb der Studienzeit (1964–70) auf die eigentlichen Grundlagen meiner Bildsprache gekommen. Es war allerdings nicht Prof. Melcher selbst, der diese Entwicklung anregte, sondern der von mir sehr geschätzte Studienkollege und Freund Robert Zeppel-Sperl. Jener Künstler, der dann 1968 mit der Gruppe „Wirklichkeiten“ bei einer Ausstellung in der Wiener Secession herausgetreten ist.
Von ihm habe ich das Grundsätzliche mitbekommen, dass man keine Scheu haben soll, Formationen, die einem aus der Hand kommen, selbst anzuerkennen, gelten und wachsen zu lassen und sie letztlich zuzulassen; das Selbstvertrauen, zu einer eigenen Figuration gefunden zu haben und damit auch etwas geschaffen zu haben, was vorher so noch nie da war ... Zeppel-Sperl vollzog dieses freie Spiel mit Köpfen, Händen, Extremitäten, und das war für mich ein starker Impuls. Später bin ich auf die aus dem Surrealismus stammenden Prinzipien der Écriture automatique, die Hand automatistisch gewähren zu lassen, aufmerksam geworden. Auf Leute wie André Breton oder Henri Michaux bin ich interessanterweise erst gestoßen, nachdem ich mir schon selbst ein gewisses Maß an Automatismus im Zeichnen erarbeitet hatte.
ÖBVaktiv: Sie haben viele Jahre als Professor für Bildnerische Erziehung an der Pädagogischen Hochschule Wien-Strebersdorf gewirkt und dort eine ganze Generation engagierter Kunsterzieherinnen und -erzieher hervorgebracht. Blieb neben dieser verantwortungsvollen Tätigkeit überhaupt noch Zeit für Ihre Arbeit im Atelier?
Ernst Skrička: Einmal habe ich mir ein Sabbatical gegönnt, als ich den großen Auftrag für das Austria Center Vienna („media in vita“, 1985/86, 12 Radierungen, ca. 2,3 x 14 m) bekam. Ansonsten nahm ich das Unterrichten sehr ernst. Ich bin der Ansicht, dass man sich als selbst Produzierender in seinem Fach doch anders artikulieren kann und so manches den Studierenden näher vermittelt, als jemand, der rein aus Bücherwissen heraus gespeist ist. Zudem wurde ich seitens des Unterrichtsministeriums immer wieder eingesetzt, um neue Lehrpläne zu formulieren. Sehr viel ist daher mit Schlafverzicht verbunden gewesen. Ich habe jahrelang nie mehr als vier bis sechs Stunden geschlafen und der Fernseher wanderte auf den Dachboden – das hat den Tag länger gemacht.
ÖBVaktiv: Zurück zu Ihrer Ausstellung in der ÖBV, wir befinden uns während des Interviews ja gerade inmitten Ihrer wunderbaren Arbeiten. Es wäre schön, aus dem Mund des Künstlers ein wenig mehr über die ganz aktuellen, für die ÖBV geschaffenen Werkgruppen zu erfahren.
Ernst Skrička: Gern. Vielleicht gehen wir chronologisch vor: Wie gestaltet sich das Entstehen einer Bildidee? Betrachten wir die Blätter aus dem Zyklus „Ideen des März“, von denen ich hier zwanzig von 102 beispielhaft zeige und die tatsächlich verteilt über den gesamten März 2010 entstanden sind. Das war jene Phase, wo die Bildideen geboren wurden: Da ist einerseits ein Liegen, womöglich Schlafen, vielleicht aber auch schon Entschlafen-Sein zu sehen, andererseits aber ein Abheben-Wollen, ein Steigen- oder Fliegen-Wollen und auch ein tatsächliches Entschweben – eine Dialektik zwischen dem Statischen und Dynamischen, wie der Titel meiner Zeichnung „Block und Flug“ verdeutlicht. Diese Einzelideen habe ich im nachfolgenden Zyklus „Halten und Lösen“ noch weiterverarbeitet, verschiedene Kombinationen davon hergestellt. Und im Arbeiten kommen noch weitere neue Ideen hinzu – immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass ich sechs Großformate für das zentrale ÖBV-Atrium brauche. So ein konkreter Ausstellungstermin hat etwas Impulshaftes, Animierendes – für mich jedenfalls, andere Künstler mögen das vielleicht anders sehen.
ÖBVaktiv: Bei „Halten und Lösen“ und „Inne Werden“ kommt nun die Farbe hinzu.
Ernst Skrička: Meine primäre Grundlage als Grafiker ist klarerweise das Schwarzweiß, mit all seinen Abstufungen dazwischen. Aber ich setze schon auch gerne ein paar farbige Akzente, wobei es eine relativ limitierte Palette ist: Es spielt sich alles in einem Braun- bis Rot-Bereich ab.
ÖBVaktiv: INNE SEIN deutet eine starke Introspektion an. Setzen Sie beim Zeichnen immer bei Ihrer ganz persönlichen Erfahrung und Befindlichkeit an oder spielen auch externe Faktoren wie z. B. gesellschaftspolitische Aspekte, aktuelles Zeitgeschehen usw. eine Rolle?
Ernst Skrička: Es gibt immer wieder Blätter, wo (Zeit)Historisches oder die Sozietät betreffendes vorkommt. Meine Herangehensweise ist jedoch nicht die eines politisch engagierten Künstlers, wie Alfred Hrdlicka und Klaus Staeck beispielsweise, oder wie seinerzeit Goya und Daumier, die ihre Bildsprache als Agitationsmittel eingesetzt haben, um Gesellschaftszustände zu beleuchten und vielleicht auch verändern zu helfen.
Ich gehe den umgekehrten Weg, indem ich Befindlichkeiten aus mir herauszuloten, herauszuheben trachte und dann sehe ich bisweilen: Da hat mich sehr wohl ein gesellschaftlicher Zusammenhang bewegt. Es gibt Bilder, die wären ohne mein Wissen um die nationalsozialistischen Konzentrationslager oder die Folterungen in autoritären Regimen nie entstanden. Ein solches Sujet habe ich auch für das Plakat meiner Ausstellung in der Albertina 1986 verwendet – eine typische Skrička-Figur, stark fragmentiert, im Stacheldraht hängend, der geschändete Mensch!
ÖBVaktiv: Eine der vielen schönen und spontanen Beobachtungen von Frau Prof. Angelica Bäumer war die Beziehung zwischen Ihren Bildern und der von „netnakisum“ so virtuos vorgetragenen, stark vom Rhythmus geprägten Musik. Sie sind ja selbst begeisterter Geiger und Sänger!
Ernst Skrička: Es ist richtig, ich habe einmal Geige gelernt und singe auch gern, aber vor allem gehe ich mit meiner Frau Nina gern und viel in Konzerte mit Schwerpunkt ganz eindeutig auf Kammermusik, Streichquartette und Trios. Außerdem habe ich in meinem Bekannten- und Freundeskreis sehr musikbezogene Menschen: Einer meiner wichtigsten Sammler ist ja der Pianist Alfred Brendel, der seinerseits wieder eine merkliche Empathie für meine Arbeit aufbringt, für mein Schwarzweiß ... Dies gilt auch für meinen Freund und Brendel-Schüler Till Fellner. Aber, um auf den Rhythmus meiner Bilder zurückzukommen: Ja, Dynamik ist mir wichtig, Setzung und Gegensetzung, Bewegung und Gegenbewegung. Das geschieht einerseits mit Wissen, andererseits ganz instinktiv.
ÖBVaktiv: Zum Abschluss bitte noch eine Wortspende zum Ihnen so wichtigen künstlerischen Gestaltungsmittel, der Linie!
Ernst Skrička: Die Linie ist, aus meiner heutigen, durch Jahre entwickelten Sicht heraus, wirklich sehr stark mit dem Leben selbst zu vergleichen: Sie hat einen Anfang, sie nimmt einen Lauf, sie muss irgendwo ein Ende haben (außer sie schließt sich zum Kreis) und dieses Ende kann die längste Zeit gar nicht vorhersehbar sein – und das ist gut so.
ÖBVaktiv: Danke für das ausführliche Gespräch!
Das Gespräch führte
Mag. Maria Christine Holter,
Kunsthistorikerin und -vermittlerin in Wien
Foto oben: „netnakisum“
Foto oben: Der ehemalige ÖFB-Präsident und Manager Josef „Beppo“ Mauhart im Gespräch mit Prof. Angelica Bäumer.
Foto oben: Herausgeber „Der Standard“ Oscar Bronner (Mitte) im Gespräch mit Ernst Skrička und Josef Trawöger, Vorstandsvorsitzender der ÖBV.
Foto links: Auf spanischem, handgeschöpftem Bütten gestaltete Ernst Skricka den Zyklus INNE WERDEN für die Glaswand im ÖBV-Atrium.
Strich und Punkt
Prof. Angelica Bäumer über die Arbeiten von Ernst Skrička
