ÖBV – Reise in die Stadt mit dem unaussprechlichen Namen – ÖBV Versicherung

Die Künstlerin Angelika Kaufmann (links) und Kunsthistorikerin Mag. Maria Christine Holter

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2011
Angelika Kaufmann, Zebrzydowice

» Veranstaltungs-Info

13. Mai 2011: Reise in die Stadt mit dem unaussprechlichen Namen

Angelika Kaufmann sagt ihn mir bei meiner Ankunft am Bahnhof Wien Meidling um 7:20 richtig vor: „Sebschidowice“. Nun kann ich unser gemeinsames Ziel zumindest benennen.

Sehr geehrte Damen und Herrn!

Mit diesen Worten beginnen meine Aufzeichnungen, die ich als Reisebegleitung Angelika Kaufmanns von Wien nach dem tschechisch/polnischen Grenzort Zebrzydowice und wieder retour verfasste.

Als Laudatorin dieser Ausstellung hatte ich mich sofort angeboten, ihr diesen schönen Dienst zu erweisen und wurde damit in die Reihen jener aufgenommen, die der Künstlerin als möglichst stumme, aber aufmerksame Mitreisende ermöglichten, sich ausschließlich auf ihr Projekt, das zeichnende Schreiben oder schreibende Zeichnen während der Bahnfahrten zu konzentrieren:

„4 ½ Stunden Hinfahrt,  4 ½ Stunden Aufenthalt,  4 ½ Stunden Rückfahrt. Meine Arbeit besteht aus der Beschreibung der Reise dorthin und wieder zurück.“, so fasst Angelika Kaufmann ihr Kunstkonzept kurz und bündig zusammen –  ein sich selbstauferlegtes Unterfangen, das sie fast zwei Jahre  rund einmal im Monat, insgesamt 25 mal in die schlesische Kleinstadt Zebrzydowice führte.

Während also Kaufmann im Eurocity Sobieski beim Gangfenster des Abteilwagens Platz nahm, ihr schwarzes, kariertes Notizheft, sowie einen blauen Kugelschreiber zückte und ihre Arbeit dort fortsetzen konnte, wo sie beim letzten mal geendet hatte, suchte ich bei meinem Platz (in respektvollem Abstand von der schon rege schreibenden und zeichnenden Künstlerin) recht verzweifelt nach einem Stromanschluss für mein Notebook, fand keinen und sah mich gezwungen ebenso unverzüglich mit meiner Arbeit zu beginnen und auf eine lange Lebensdauer meines Akkus zu hoffen.

„...Angelika Kaufmann..., das ist diejenige, bei der der Begriff SCHRIFTBILD von höherer Bedeutung ist!“, schreibt Julian Schutting sinngemäß in einem Katalogtext über die von LiteratInnen, wie bildenden KünstlerInnen gleichermaßen geschätzte Kollegin.

Mir kam dieser Satz wieder in den Sinn, als ich im Zug insgesamt neun Stunden Zeit hatte, sie bei der Arbeit zu beobachten: Mit ihrer gerundeten, ebenmäßigen Handschrift, die weder starke Unter- noch Oberlängen aufweist, füllt Kaufmann Seite für Seite. Sie verwendet dazu blaue oder schwarze Billigkugelschreiber, Werbegeschenke, die sie in einem Plastiksäckchen mit sich führt (am Ende jeder Reise wird sie zwei davon verbraucht und einen dritten bereits begonnen haben). Sie schreibt ohne Wortzwischenräume und fast ohne abzusetzen. Jede neue Textzeile überlagert marginal die vorangegangene. Dadurch entsteht ein Schriftbild, das einem Gewebe gleicht – ein Schriftteppich, dessen einzelne Buchstaben und Wörter zwar vorhanden, aber nahezu unlesbar geworden sind und sich dem Gesamtbild der aufgeschlagenen Buchseite unterordnen.

Die leichten Erschütterungen des Zuges tun dazu ihr Übriges und werden vor allem an den etwas wackeligen Linien der assoziativen Zeichnungen nachvollziehbar, die die Schriftfelder jäh unterbrechen. Die Skizzen nehmen sich im Schriftfeld wie Fenster in die Landschaft aus und heben sich vom sonst dicht beschriebenen Grund als rechteckig ausgesparte Felder mit feiner Strichzeichnung ab. So entstehen formale Gestaltungsmöglichkeiten, die jeder Doppelseite eine eigene Charakteristik verleihen.

 "Schriftbilder"

Es sind meist Stromleitungsmasten und die davon hin- und wegführenden Oberleitungen, die sich wie Spinnweben auf dem Blatt ausbreiten; Industrieanlagen, Schlote, Wassertürme, Motive der durchreisten Bahnhöfe und selten die wechselnden Passagiere. Auffällig auch die Schriftzüge der Zwischenhalte wie Breclav, Stare Mesto, Bohumin, ... , die in breiter Druckschrift innerhalb einer Kartusche vom übrigen Blatt abgesetzt sind.

Jedoch erst beim Begehen der fertig gehängten Ausstellung, beim Betrachten der reproduzierten Doppelseiten aus insgesamt zwei gefüllten Notizbüchern, wird mir der volle Umfang dieser narrativen Miniaturen bewusst und ich erkenne in ihnen vieles, was sich mir während der Fahrt an Eindrücken eingebrannt hatte: die vier riesigen Kühltürme des mährischen Steinkohlekraftwerks Dětmarovice bei Ostrava etwa, die sich bedrohlich vom Himmel abheben.

Wenn Sie der Chronologie der Reisen folgen wollen, so lassen Sie Ihren Rundgang bei dem Pfeiler neben dem Büchertisch beginnen. Dort sehen Sie die unbeschriebene Innenseite des ersten Heftumschlags und auf dem gegenüberliegenden Blatt die Eintragungen vom 9. März 2010, dem ersten Reisetag, an dem Angelika Kaufmann auf dem Rückweg von Zebrzydowice nach Wien mit dem Schreiben und Zeichnen begonnen hatte, während sie die gesamte Hinfahrt ausschließlich zum Schauen und zur Klärung ihrer Projektidee nutzte.

WARUM Zebrzydowice? Diese Frage, sehr geschätzte Damen und Herren, wird sich Ihnen bei Erhalt der Einladung bestimmt ebenso aufgedrängt haben, wie mir, als ich von der Destination unserer Fahrt das erste mal hörte.
Warum nicht Krakau, Budapest, Prag oder Brünn?

Vor unserer Reise begann ich über den Zielort genauer zu recherchieren. Angelika Kaufmann hatte mir das Ankommen in Zebrzydowice als eine Zeitreise in die Vergangenheit beschrieben: „als ob die Uhren plötzlich in den 50er Jahren stehen geblieben wären“, was sich schon bei unserer Ankunft am menschenleeren Bahnhof mit seiner originalen 50erJahre-Architektur und Ausstattung, samt nutzlos gewordenen Hinweisschildern und Piktogrammen als völlig zutreffend erwies.

Zebrzydowice ist ein Bahnknotenpunkt nahe der großen polnischen Kohlebergbaugebiete, der als Spielball der Mächte das Schicksal vieler Grenzstädte der ehemaligen Donaumonarchie teilte – 1918 Polen zugesprochen, aber bereits 1919 wieder zwischen Polen und der Tschechoslowakei heiß umkämpft, 1939 vom nationalsozialistischen Deutschland besetzt und im Mai 1945 von der Roten Armee „befreit“.

Von März 1942 bis Jänner 1945 existierte in Zebrzydowice ein Lager für jüdische Zwangsarbeiter, die zu Bahn-, Gleis- und Tiefbauarbeiten eingesetzt wurden und an die heute eine Gedenkstätte in Bahnhofsnähe erinnert. Was mit Inhaftierten letztlich geschah kann nur vermutet werden: Die Vernichtungsmaschinerie von Ausschwitz lag nur rund 60 km von Zebrzydowice entfernt.

War DAS der Grund für die insgesamt 25 Fahrten der Angelika Kaufmann? Eigentlich nein, denn sie erfuhr erst nach ihrer ersten Reise allmählich von diesen historischen Tatsachen.

Manchmal wird die Banalität des Alltags zur Ursache mit großer Wirkung, wenn die menschliche Fähigkeit sich zu erinnern überhaupt als banal bezeichnet werden kann: Angelika Kaufmann stieß bei einer Bahnfahrt von Villach nach Wien zufällig auf ein Hinweisschild, das alle Halte des Schnellzugs bis Warschau anführte. Ein Ort rief dabei lebhafte Erinnerungen an ihre Zeit als Krakau-Stipendiatin der Hochschule für angewandte Kunst 1964/65 wach – Zebrzydowice. Sie erkennt darin jenen Wortlaut wieder, den sie als Durchsage auf den nächtlichen Bahnfahrten zwischen Krakau und Wien im Halbschlaf wahrgenommen hatte: Zebrzydowice, Zebrzydowice! Die Erinnerung daran wird ihr im Alter von 75 Jahren zum Arbeitsauftrag, zum Kunstkonzept.

Erinnern, die Zeit vor- und zurückspulen können wie eine Rolle Papier, Vergängliches durch das Schreiben und Zeichnen festhalten. Diese Phänomene – Freud wies dem Schreiben und dem Gedächtnis weniger im Physischem als im Psychischen seinen Platz zu – sind wesentlicher Bestandteil im künstlerischen Lebenswerk von Angelika Kaufmann und manifestieren sich oft ganz beiläufig: Wenn sie beispielsweise eine bestimmte Zeitspanne pro Tag den Tuschpinsel in Blindbänden abstreift, die Abdrücke mit Datierungen versieht und aus den Büchern „Zeitkapseln“ werden lässt; oder wenn sie 5 Plexiglaswürfel mit Transkriptionen des Gedichtbands „Notizen auf einem Kamel“ von Friederike Mayröcker füllt, oder aber mit Militär-Memorabilia vollgestopfte und mit Wachs versiegelte Gläser unter dem Grimm‘schen Märchentitel „Der Geist im Glas“ zu einem Monument für Pazifismus und gegen den Krieg vereint.

Ihre heute hier versammelten Arbeiten sind Räume der Erinnerung und diese Räume dienen der Künstlerin wiederum zur eigenen Verortung, zur Selbstvergewisserung: Die Frage, ob das, was sie mache, Kunst sei, habe sie sich nie gestellt, ihre Arbeit sei ihre Existenz, ist eine typische Aussage Angelika Kaufmanns.

Erinnerung und Gedächtnis prägen auch ihre Arbeit als Kinderbuchillustratorin – eine Tätigkeit, die sie im Zusammenwirken mit namhaften Autorinnen und Autoren seit den 1970er Jahren bis heute mit viel Erfolg und Begeisterung ausübt. „Mich fasziniert ...[daran] ... wohl am meisten die Tatsache, dass eine Brücke zur eigenen Kindheit entsteht: Orte werden lebendig, Sprüche werden laut, Spiele werden memorabel und Gerüche manifest", verriet sie in einem Interview anlässlich ihres 70. Geburtstags. Ihre Kindheitserinnerungen trage sie mit sich „wie einen kleinen Rucksack, gefüllt mir Wärme, Bildern und Geschichten“.

Mit ihrem schwarzen Lederrucksack als einziges Gepäck bestieg Angelika Kaufmann am 11. Oktober 2011 zum letzten mal den Zug nach Zebrzydowice – allein. Die Künstlerin wollte den Abschluss des Projektes ganz bewusst so und ohne Begleitung erleben. Ein wenig wehmütig denkt sie nun an den Ort und seine Menschen zurück –  der Kellnerin ihres Stammlokals musste sie versprechen, unbedingt wieder zu Besuch nach Zebrzydowice zu kommen. Angelika Kaufmann wird wohl ihr Versprechen einlösen – ob sie es aber aushalten wird im Zug nicht zu zeichnen? Ich bezweifle es!

Wien, am 15. November 2011
© Maria Christine Holter

 

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