Mit der ÖBV durchs Leben
ÖBV - Veranstaltungen und Events 2011
Mit dem Licht malen
Der Fotograf Josef Polleross stellt im ÖBV-Atrium aus
Der im Waldviertel aufgewachsene und nach längeren Aufenthalten in New York, Kairo und Bangkok nun in Wien lebende Weltbürger Josef Polleross ist ein Meister der malerischen Fotografie: Ein Genre, das Gegenständliches ins Sphärische, Immaterielle hebt; ein Spiel mit Farben, Formen und Strukturen, das an abstrakte Malerei erinnert. Seine Ausstellung „Fotomalereien“ im ÖBV-Atrium in Wien eröffneten Mitte Mai der Publizist Franz Schuh und der Perkussionist Peter Rossmanith.
Polleross wurde 1963 in Neupölla als Jüngster von drei Söhnen in eine Waldviertler Handwerkerfamilie hineingeboren. Beide Eltern waren Tischlermeister, die Mutter die erste ihres Fachs in Niederösterreich. Auf Einladung seiner US-Gastfamilie, die den damaligen Altenburger Sängerknaben und Stiftsgymnasiasten auf einer Konzertreise beherbergt hatte, reiste er 1982 nach der Matura in die USA und entschied kurz darauf, in New York zu bleiben und sich mit der schon als Jugendlicher betriebenen Amateurfotografie beruflich auf die Beine zu stellen.
Früher Aufbruch in die USA
Polleross finanzierte seinen Lebensunterhalt als junger Fotograf in New York vorerst vor allem durch die Arbeit in einem Fachlabor für Schwarzweißfotografie. Er erhielt dabei das notwendige technische Rüstzeug, das ihm, wie er sagt, noch heute – trotz Hinwendung zur computergestützten Digitalfotografie – zugute kommt. Bis in die Gegenwart wirkt auch die Faszination der Metropole New York nach, in die es schon viele berühmte Fotokünstler vor ihm zog. Vor allem die klaren Lichtverhältnisse in den Häuserschluchten von Downtown Manhattan und die dortigen Wolkenkratzer aus den 1920er und 30er Jahren begeistern den Fotografen noch immer.
Beispiellose internationale Karriere
Von New York aus startete Polleross in Zusammenarbeit mit der Fotoagentur JB-Pictures ab 1987 eine für österreichische Dimensionen beispiellose Karriere als Fotoreporter. Sie brachte ihn in fast alle Teile der Welt und seine Fotos auf die Titelblätter internationaler Zeitungen und Magazine. Seine politischen und sozialen Reportagen erschienen u. a. in der New York Times, Washington Post, Life, Newsweek, Time, Geo, Stern und Spiegel.
Während dieser Zeit ging es Polleross wohl vor allem darum, zum – aus journalistischer Sicht – richtigen Zeitpunkt abzudrücken, den sogenannten „entscheidenden Moment“ einzufangen, der die Betrachterin oder den Betrachter emotional bewegen sollte. Franz Schuh zitiert in seiner Laudatio den Foto-Theoretiker Roland Barthes mit dem Satz „… das Element selbst schießt wie ein Pfeil aus seinem Zusammenhang hervor, um mich zu durchbohren“.
Hemingway-Romantik sucht man vergebens
Dass sich Polleross wiederholt in Lebensgefahr begeben musste, beispielsweise in Afghanistan, jedoch völlig sachlich davon zu berichten vermag, sticht dem bekannten Publizisten und Autor Schuh besonders in Auge: „... der Fotograf in Todesgefahr – und er macht nichts davon her! Keine Spur von Hemingway oder von einer anderen Romantik, auch kein Triumph, überlebt zu haben. Ich glaube und behaupte, diese Zurückhaltung kommt keineswegs von einer Gefühlskälte, sondern von dieser merkwürdigen Unterwerfung mancher Menschen unter die Sache, die sie ins Werk setzen. Die Leidenschaft für die Fotografie drängt die Leidenschaft für das stets gefährdete Ego zurück ... “
Leidenschaft ist alles
Diese Leidenschaft treibt den 48-jährigen Polleross auch in der wohl weniger selbstgefährdenden Kunstfotografie an. Aber wer kann schon mit Sicherheit sagen, unter welchen Umständen Polleross seine großartigen Bewegungsstudien und Triptychen aufgenommen hat.
Mit seinen Triptychen folgt Polleross seit 2008 formal einer kunstgeschichtlichen Tradition, die bereits in der Antike ihren Ausgang nahm, in den italienischen und niederländischen Poliptychen der Gotik ihre Hochblüte fand und sich in Form spätgotischer Flügelaltäre in so mancher österreichischen Kirche noch sichtbar hält. Polleross sucht jedoch nicht die religiösen Bezüge. Er nützt die Dreiheit der Bildpräsentation zur Erweiterung des Blickes und zur Schaffung von Imaginationsräumen. Der Künstler schreibt in seinem Fotobuch TRIPTYCHS: „ Zwei, eins, drei ... bewegt den Blick ... dem Zufall entlockt ... zeigt sich das Schöne der Natur“.
Mit dem Licht malen
Durch Josef Polleross‘ (Kamera-)Auge betrachtet, werden alltägliche Gegenstände, Situationen oder Naturphänomene, wie etwa eine simple Küchenleuchte, ein Durchgang, Bäume im Wechsel der Jahreszeiten, Steine in einem Bachbett oder auch ein Wasserfall (die Serien Treeology, Stones und Waterfall ) zu einer neuen Bildrealität. Sie entgleiten losgelöst und fragmentiert ins Abstrakte und transzendieren die Wirklichkeit. Die gezielte manuelle Bewegung der Kamera während der Belichtungsphase sowie die Auswahl geeigneter Papiere verstärken diesen Effekt und erzeugen zusätzliche malerische Qualitäten.
Josef Polleross nimmt mit seinen Arbeiten in der ÖBV also ganz wörtlich, was Fotografie, aus dem Altgriechischen übersetzt, bedeutet: mit dem Licht malen. So schreibt er mit „FOTOMALEREIEN“ die Geschichte der wechselseitigen Beeinflussung von Malerei und Fotografie auf ungemein spannende und eigenständige Art und Weise fort.
Wir freuen uns mit Josef Polleross auf ein weiteres Kapitel dieser Erfolgsgeschichte!
Maria Christine Holter
Kunsthistorikerin in Wien
Foto oben: Ein volles Atrium bei der Vernissage.
Bild links: Container, Wiener Hafen, 2009. (Ausschnitt)
Antwort auf ein Welträtsel
Franz Schuh zu Josef Polleross
anlässlich der Vernissage am 17. Mai 2011
