Mit der ÖBV durchs Leben
Das ÖBV Grabenfest 2003
Charming Nights - Die Lust am Leben
23. – 25. Juni 2003
Textbuch
Pest und Lust
Joost van Entyn - Der
Leyb – zur Liebe und zum Tode
Theodor W. Adorno - Über den Verfall der Musik und des
leibhaftigen Tanzes
Benedikt Örpen - Die Reste der Zivilisation im nach-cromewell`schen
London
Wenn eynander die Säfte der Liebe und des Todes zur Unzeit vermischen, wenn der Tag nicht der Tag ist, die Augen sich trüben und neblicht erscheinen, wenn das Augenlicht den Glanz des Tageslichts verlieret, wenn der Schatten der Nacht im porzellanenen Weiß des Seh-Apfels zu spiegeln sich scheint, wenn in der Nacht nicht warme Finsternuß im Kopf sich bettet, sondern heller Schein und Blitz des Lichts und Schmerz von alldemselben, schwebt die Kranckheit über einem Menschenhaupt. Doch wissen wir nicht: Ist es das Kranksein aus Liebe, ein süßes Verzehren, oder das Kranksein zum Tode, ein bitterer Schmerz? Wer die Weisheit besitzt, der möge Süßigkeit, der möge Bitternis mit einer Zunge schmecken, die da singt.
Joost van Entyn
Der Leyb – zur Liebe
und zum Tode, Nürnberg 1737
So gibt der kühle Schritt des frühen Briten das Tempo in sich selber vor. Ganz entgegengesetzt dem hitzigen Lully, der es sich an der Pracht niemals hinreichend genügen lassen wollte, um deshalb gehörig im Schweiße getränkt zu sein, hören wir im Purcell`schen Schrittklang eine innerliche Transpiration, die nobel verborgene Angst des Edelmanns vor dem Tod, mit einem Quäntchen Lust an der Liebe, wie das Tröpfchen Milch im schwärzesten Tee. Ist doch jeder Tanz ein Totentanz, wie uns späten Europäern mit allerletztem Sinn für das Musikalische, jeder Samba oder Rumba vorzuführen versteht.
Theodor W. Adorno
Über den Verfall der Musik und des leibhaftigen
Tanzes im Abendland, Frankfurt/Main 1965
Das London der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gehörte wohl zu den trostlosesten Metropolen Europas, ja, von „Metropole“ war ganz und gar nicht zu sprechen, statt durch Eleganz und Mut zu neuen Moden zeichnete sich das London der nachcromwell`schen Ära durch Trostlosigkeit und wirtschaftliche sowie gesellschaftliche Erschöpfung aus. Mehrere Brände hatten die halbe Stadt verwüstet, die ehrwürdige Demokratie war ebenso ruiniert, kompromittiert und verrottet, die Restitution der königlichen Pracht ein fauler Kompromiss, aber immerhin die einzige Chance auf einen Hauch von Eleganz, eine Spur von Internationalität. Zwischen Pest und Depression, Ruinen und Rankünen hatte sich – nehmen wir die Musik als Beispiel - dennoch Spur von Noblesse bewahrt, in der Chapel Royal – einer ihrer jungen Schüler und späteren Leiter war Henry Purcell.
Benedikt Örpen
Die Reste der Zivilisation im nach-cromewell`schen London
LEXIKON des frühen 18. Jahrhunderts
Das Essen:
Diana muss essen, auch unsere Judith könnte ein größeres Menü vertragen. Warum nicht fette Kapaunen? Je mehr Diana desto besser, je mehr von Dianas Fleisch in der Landschaft, desto besser. Mit Leibesfülle versuchten die Menschen des 18. Jahrhunderts die Kürze des Lebens zu überlisten. Das Leben wäre endlich wie ein Bild und eng wie ein Zimmer, Je größer die Masse des Körpers desto mehr ist da vom Menschen in den Räumen, weshalb auch die schlanke Diana sich im Laufe der Jahre, von einem Gemälde zum anderen, immer ausladender entgegenräkelt. Vor wenigen Jahrzehnten noch bescheiden jausend mit den Hirten am Bach, lacht sie in Tableaus dem Betrachter bereits aus einem 120 Kilo Körper entgegen, eine Hammelkeule in der Hand und mit der Zehe in der Karpfensuppe rührend. Doch erst wenn der Körper der Diana das gesamte Bild erfüllt und der Betrachter nicht mehr unterscheiden kann, ist es der Berg der Erlösung oder der Arsch der Diana, ist es das Kidrontal oder die geheimnisvolle Grotte zwischen den Beinen der Göttin, erst dann ist die Zeit überlistet, als hätte die Göttin nach dem Hammel und den Karpfen auch das Menschenleben gekocht oder gebraten, auf dass es in die Fülle ihres gemalten Leibes eingehen möge. Sehr viele wollten es diesen Dianas und Judiths, aber auch den „rollenden Grazien“ gleichtun, um mehr vom Leben zu haben, um üppiger in demselben zu sein. Daraus erklärt sich die deutliche Gewichtszunahme bei den Damen der Gesellschaft. Der eigne Körper, verwöhnt mit Kapaunen, mit Suppen und Knödeln wurde zum Gegenwicht des Gewichtes der Welt. Auch wenn die Zimmer eng waren und die Landschaft klein, im Körper sollte es weit und geräumig sein, die Größe des Körpers verschlang alsbald die Kleinheit der Dinge. Selbst die Maler blieben nicht verschont und wurden entweder von ihren Frauen verspeist oder von ihrer gemalten Diana verschlungen. So hatten auch sie einen Weg gefunden, aus den engen Formaten ihrer Bilder, aus der Kleinheit ihres Lebens in einen Körper mit größerer Zeit hineinzugehen. „Ich war nicht größer als einer der neugeborenen Hunde in meinen Bildern, bis mich meine Diana verschlang, nun gehe ich spazieren in den schier unendlichen Weiten der Göttin. Ihr Kopf ist mein Schlafgemach, in ihren Lungen fliege ich dahin und pflege in der rosa Magengrotte mein Frühstück einzunehmen. Dann ergehe ich mich in den Wiesen und Tälern ihres Gedärms oder jage in den schwindelnden Höhen ihrer Brust nach den Vögeln des Himmels. Wenn sie singt, dann sitze ich bebend in ihrem linken Ohr, wenn sie spricht, dann tanze ich auf ihrer zarten Zunge, wenn sie liest, dann schaukle ich in ihren Locken, wenn sie weint, dann sammle ich ihre Tränen.“
Das Fechten:
„Wer galant ist, stirbt auf einem Bein, dann welken die Locken, der Puder staubt matt von den Wangen, doch der Herr, der dreht sich noch immer auf der Spitze seiner Zehe: Wollen Sie dirigieren oder fechten, tanzen oder sterben, zaubern oder singen?“ Mit diesen Sätzen beginnt die Fechtschule von Chamonix, ein gründliches Werk, aus dem nicht klug zu werden war und dass sich wohl gerade deshalb großer Beliebtheit erfreute, gehört ja auch die Klugheit nicht zu den Tugenden des Fechters, sondern hindert ihn daran, sehr schön zu sein und in seiner Schönheit geradezu durchsichtig. „Der Blick eines Fechters sei klar wie das Wasser, seine Beine so weiß wie die der Mädchen in der Nacht, seine Nase so spitz wie der Schnabel des Falken, sein Herz aber klein und schnell wie das eines Marders.“ So waren dann die besten Fechter ihrer Zeit auch kaum zu sehn, nur das Rauschen ihrer Röcke verriet sie im Schatten, wo sie sich meistens aufzuhalten pflegten. Dreht sich der Garten oder dreht sich der Fechter auf der Spitze seines Zehs, ja dreht er sich gar auf der Spitze seiner Nase oder seines Degens, um dadurch die Bewegung der Welt vorzutäuschen – dreht sich die Welt um die Nase des Fechters, dreht sich gar noch der Garten viel schneller als die Erde? Springt nicht der galante Herr in einer gekonnten Diagonale durch die Landschaft, wenn sich alles Runde duckt, die runden Äpfel von den Bäumen fallen und die runde Sonne schneller untergeht? Im Springen waren die Herren nicht schlecht, schon früh morgens vollführten sie von ihren Seidenbettchen aus den ersten Flug in den Park, um frische Amseln zu florettieren oder einander im Schatten die Bärte zu flechten. In einem zweigeteilten Vogel ist mehr Sehnsucht als in diesem einen ganzen singenden Tier. Mit dem Stillen des Traums nach einem ganzen Körper konnten die zwei Amselhälften stundenlang in der Sonne liegen, bis der Koch sie sorgsam aufhob wieder zusammensetze und sie ganz neu vereint in seiner Sosse schwimmen durften.
Die Finger:
Das Clavicembalo lehrt die Vorsicht im Umgang mit der belebten und unbelebten Natur. Zart wie der Wind wehen die Klänge dieses Instrumentes vor allem durch die Bibliotheken, das Clavicembalo gilt als das singende Buch und wird nicht nur von Damen gespielt, von ihnen aber mit dem zarteren Verstand. Zur Vorsicht mahnten daher auch die Partituren für die Maler, unter deren Gavotten in langen Fußnoten oft zu lesen steht: Berühren Sie das Blau nur an der Haut, greifen Sie nicht hinein, würgen Sie auch das Rot nicht, selbst das Rot ist zart wie ein rohes Ei und feiner als ein Vogelherz im Flug. Einen Fisch kann man erschlagen, doch möge man ihm stattdessen die Augen schließen und ihn in A-Dur begreifen, selbst einen Hund sollte man in aller Vorsicht ertasten, auch wenn die Liebe nicht sehr groß ist. Mit den Fingerspitzen spielt es sich auf Säugetieren wie auf einem Instrument, solange man nicht beginnt, sie zu kneten, ihnen die Knochen zu brechen, ihre Zunge einzurollen, ihnen die Lungen zu falten. Nur wer den richtigen Akkord am Hals eines Pferdes begreift, der hat auch das Pferd begriffen, wobei noch ein silbernes Ross ganz anders zu klingen vermag als seine ockerfarbene Schwester. Schlafende Pferde sind in Moll gestimmt und neigen sich träumend ins Ultramarin, springende Pferde neigen zum Gelb, galoppieren sie, dann sind sie dunkelrot und schwitzen so hell, wie nur C-Dur zu schwitzen vermag, sie dann noch zu berühren und ihnen den richtigen Klang zu entlocken, ist wahrlich eine große Kunst, doch wer malt, hat keine Angst vor den Pferden, die dem Cembalo von allen Säugetieren ja doch am meisten ähneln und uns das schönste Rot zu schenken. Hinter den schönsten roten Flächen verbergen sich oft galoppierende Pferde, wer genau hinsieht, der kann diese Tiere noch hören, wie sie sich wie ein fliegendes Cembalo schön bewegen. Christine De Grancy, eine der elegantesten Cembalistinnen ihrer Zeit und vielgerühmte Pferdeärztin riet ihren jungen Malerinnen folgendes im Umgang mit der Welt:
Wenn Sie mit Ihren Händen in die Landschaft gehen, stellen Sie sich stets die Tastatur des Instrumentes vor, fühlen Sie jeden einzelnen Finger, denken Sie an die richtigen Akkorde, es ist alles so zerbrechlich. Wir sehen eine mächtige Kuh, doch ihre Haut ist dünn und zerreißt beinahe vor unseren Augen, wir gehen auf der trockenen Erde der Prärie und sie zerbricht sogleich unter unseren Füssen wie die Schale eines Amseleis, wir stehen vor einer granitenen Wand und der Staub des Steines fliegt uns ins Gesicht. Sie wollen eine heiße Schokolade begreifen und haben schon mitten hineingegriffen, Sie winken einem Galan aus der Ferne und haben ihn schon geohrfeigt, ja, so rasch verschwinden die Entfernungen, so plötzlich verschwimmen die Grenzen, so dünn ist die Haut. Das Clavicembalo, meine Damen, lehrt sie, die Welt mit den Fingerspitzen zu begreifen und den Dingen die richtigen Töne zu entlocken, der belebten und der unbelebten Natur. Der richtige Akkord bedeutet wiederum die richtige Farbe, sie sind also nicht nur die vorsichtigen Leserinnen der Natur, verehrte Fräulein, sondern auch die Malerinnen derselben und bei Bedarf deren Chirurginnen. Ist doch das Innere unseres geliebten Instrumentes dem Inneren eines Pferdes nicht unähnlich. Ein gut gestimmtes Pferd und ein gut gestimmtes Cembalo, wer kann die beiden unterscheiden? Ton in Ton erscheinen sie manchmal zugleich in der Landschaft oder weiden friedlich nebeneinander. Öffnen wir sie, dann liegen die Saiten und Sehnen offen vor uns, das Herz schlägt in A und die Lungen flattern in Cis, die Leber dämmert in Es und der Magen ist hell wie ein G. Greifen Sie nur in die Tasten, meine Damen, der Himmel ist schön und die Welt so zerbrechlich!
