ÖBV – Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit – ÖBV Versicherung

Grafik: Grabenfest 2005

ÖBV Grabenfest 2005

Das kalte Herz - Ein Märchen?

28. – 30. Juni 2005

Textbuch
28.6.2005
- 29.6.2005 - 30.6.2005


28.6.2005

Intro: Als Peter am Montagmorgen in seine Glashütte ging, da waren nicht nur seine Arbeiter da, sondern auch andere Leute, die man nicht gerne sieht, nämlich der Amtmann und drei Gerichtsdiener. Der Amtmann wünschte Peter einen guten Morgen, fragte wie er geschlafen, und zog dann ein langes Register heraus, und darauf waren Peters Gläubiger verzeichnet.

„Könnt Ihr zahlen oder nicht?“, fragte der Amtmann mit strengem Blick, „und macht es nur kurz, denn ich habe nicht viel Zeit zu versäumen, und in den Turm ist es drei gute Stunden.“ Da verzagte Peter, gestand, dass er nichts mehr habe, und überließ es dem Amtmann,
Haus und Hof, Hütte und Stall, Wagen und Pferde zu schätzen; und als die Gerichtsdiener und der Amtmann umhergingen und prüften und schätzten, dachte er: „Bis zum Tannenbühl ist's nicht weit, hat mir der Kleine nichts geholfen, so will ich es einmal mit dem Großen versuchen.“


Er lief dem Tannenbühl zu, so schnell, als ob die Gerichtsdiener ihm auf den Fersen wären, und kaum hatte er, beinahe atemlos, nach dem Holländer Michel gerufen, als auch schon der riesengroße Flözer mit seiner Stange vor ihm stand.

„Kommst du?“ sprach dieser lachend, „haben sie dir die Haut abziehen und deinen Gläubigern verkaufen wollen? Folge mir in mein Haus, dort wollen sehen, ob wir Handels einig werden.“

Die Stube, worein Peter geführt wurde, unterschied sich durch nichts von den Stuben anderer Leute, als dadurch dass sie einsam schien. Die hölzerne Wanduhr, der ungeheure Kachelofen, die breiten Bänke, die Gerätschaften auf den Gesimsen waren hier wie überall. Michel wies ihm einen Platz hinter dem großen Tisch an, ging dann hinaus und kam bald mit einem Krug Wein und Gläsern wieder. Er goss ein, und nun
schwatzten sie, und Holländer-Michel erzählte von den Freuden der Welt, von fremden Ländern, schönen Städten und Flüssen, dass Peter, am Ende große Sehnsucht darnach bekommend, dies auch offen dem Holländer erzählte.

„Wenn du im ganzen Körper Mut und Kraft etwas zu unternehmen hattest, da konnten ein paar Schläge des dummen Herzens dich zittern machen; und dann die Kränkungen der Ehre, das Unglück, für was soll sich ein vernünftiger Kerl um dergleichen bekümmern? Hast du's im Kopf empfunden, als dich letzthin einer einen Betrüger und schlechten Kerl nannte? Hat es dir im Magen wehe getan, als der Amtmann kam, dich
aus dem Haus zu werfen? Was? sag an, was hat dir wehgetan?“

„Mein Herz“, sprach Peter, indem er die Hand auf die pochende Brust presste, denn es war ihm, als ob sein Herz sich ängstlich hin und her wendete. „Du hast, nimm mir es nicht übel, du hast viele hundert Gulden an schlechte Bettler und anderes Gesindel weggeworfen; was hat es dich genützt? Sie haben dir dafür Segen und einen gesunden Leib gewünscht; ja bist du deswegen gesünder geworden?

Um die Hälfte des verschleuderten Geldes hättest du einen Arzt gehalten. Segen, ja, ein schöner Segen, wenn man ausgepfändet und ausgestoßen wird! Und was war es, das dich getrieben, in die Tasche zu fahren, sooft ein Bettelmann seinen zerlumpten Hut hinstreckte? – Dein Herz, auch wieder dein Herz, und weder deine Augen noch deine Zunge, deine Arme noch deine Beine, sondern dein Herz ...

Du hast dir es, wie man richtig sagt, zu sehr zu Herzen genommen.“
„Aber wie kann man sich denn angewöhnen, dass es nicht mehr so ist? Ich gebe mir jetzt alle Mühe, es zu unterdrücken, und dennoch pocht mein Herz und tut mir weh.“

„Du freilich“, rief jener mit Lachen, „du armer Schelm, kannst nichts dagegen tun; aber gib mir das kaum pochende Ding und du wirst sehen, wie gut du es dann hast.“

„Euch, mein Herz?“ schrie Peter mit Entsetzen. „Da müsste ich ja sterben auf der Stelle!
Nimmermehr!“.

„Ja, wenn dir einer eurer Herrn Chirurgen das Herz aus dem Leib operieren wollte, da müsstest du wohl sterben; bei mir ist dies ein anderes Ding; doch komm herein und überzeuge dich selbst.“
Er stand bei diesen Worten auf, öffnete eine Kammertüre und führte Peter hinein. Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, als er über die Schwelle trat, aber er achtete es nicht, denn der Anblick, der sich ihm bot, war sonderbar und überraschend. Auf mehreren Gesimsen von Holz standen Gläser, mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllt, und in jedem dieser Gläser lag ein Herz, auch waren an den Gläsern Zettel angeklebt
und Namen darauf geschrieben, die Peter neugierig las; da war das Herz des Amtmanns; das Herz des Tanzboden-Königs, das Herz des Oberförsters; da waren sechs Herzen von Kornwucherern, acht von Werbe-Offizieren, drei von Geldmaklern - kurz es war eine Sammlung der angesehensten Herzen in der Umgegend von zwanzig Stunden.

„Schau!“ sprach Holländer-Michel, „diese alle haben des Lebens Ängste und Sorgen weggeworfen, keines dieser Herzen schlägt mehr ängstlich und besorgt, und ihre ehemaligen Besitzer befinden sich wohl dabei, dass sie den unruhigen Gast aus dem Hause haben.“

„Aber was tragen sie denn jetzt dafür in der Brust?“ fragte Peter, den dies alles, was er gesehen, beinahe schwindeln machte. „Dies“, antwortete jener, und reichte ihm aus einem Schubfach - ein steinernes Herz.

„So?“ erwiderte er und konnte sich eines Schauers, der ihm über die Haut ging, nicht erwehren. „Ein Herz aus Marmor? Aber, horch einmal, Herr Holländer-Michel, das muss doch gar kalt sein in der Brust.“
„Freilich, aber ganz angenehm kühl; warum soll denn ein Herz warm sein? im Winter nützt dich die Wärme nichts, da hilft ein guter Kirschgeist mehr als ein warmes Herz, und im Sommer, wenn alles schwül und heiß ist - du glaubst nicht, wie dann solch ein Herz abkühlt; und wie gesagt, weder Angst noch Schrecken, weder törichtes Mitleiden noch anderer Jammer pocht an solch ein Herz.“ „Und das ist alles, was Ihr mir geben könnet“, fragte Peter unmutig, „ich hoff auf Geld, und Ihr wollet mir einen Stein geben!“

„Nu, ich denke an hunderttausend Gulden hättest du fürs erste genug; wenn du es geschickt machst, kannst du bald ein Millionär werden.“
„Hunderttausend?“, rief der arme Köhler freudig, „nun, so poche doch nicht so ungestüm in meiner Brust, wir werden bald fertig sein miteinander. Gut, Michel; gebt mir den Stein und das Geld und die Unruh könnet Ihr aus dem Gehäuse nehmen.“

„Ich dachte es doch, dass du ein vernünftiger Bursche bist«, antwortete der Holländer freundlich lächelnd, »komm, lass uns noch eins trinken, und dann will ich das Geld auszahlen.“ So setzten sie sich wieder in die Stube zum Wein, tranken und tranken wieder, bis Peter in einen tiefen Schlaf verfiel.

 

29.6.2005

Peter Munk wunderte sich über sich selbst, dass er gar nicht wehmütig werden konnte, als er jetzt zum ersten Mal aus der stillen Heimat, aus den Wäldern, wo er so lange gelebt, auszog. „Ach natürlich“, sagte er zu sich: „Tränen und Seufzer, Heimweh und Wehmut kommen ja aus dem Herzen, und Dank dem Holländer-Michel ist das meine kalt und von Stein.“ Er legte seine Hand auf die Brust, und es war ganz ruhig dort und rührte sich nichts; „wenn er mit den Hunderttausenden so gut Wort hielt wie mit dem Herz, so soll es mich freuen“, sprach er und fing an, seinen Wagen zu untersuchen.

Er fand Kleidungsstücke von aller Art, wie er sie nur wünschen konnte, aber kein Geld; endlich stieß er auf eine Tasche und viele tausend Taler in Gold und Scheinen, auf Handlungshäuser in allen großen Städten. „Jetzt hab ich's, wie ich's wollte“, dachte er, setzte sich bequem in die Ecke des Wagens, und fuhr in die weite Welt.

Er fuhr zwei Jahre in der Welt umher, und schaute aus seinem Wagen links und rechts an den Häusern hinauf, schaute, wenn er anhielt, nichts als das Schild seines Wirtshauses an, lief dann in der Stadt umher und ließ sich die schönsten Merkwürdigkeiten zeigen; aber es freute ihn nichts, kein Bild, kein Haus, keine Musik, kein Tanz, sein Herz von Stein nahm an nichts Anteil, und seine Augen, seine Ohren waren abgestumpft für alles Schöne.

Wenn er so über die Vergangenheit nachdachte, so kam es ihm ganz sonderbar vor, dass er jetzt nicht einmal lachen konnte, und sonst hatte er über den kleinsten Scherz gelacht; wenn andere lachten, so verzog er nur aus Höflichkeit den Mund, aber sein Herz lächelte nicht mit. Er fühlte dann, dass er zwar überaus ruhig sei – aber zufrieden fühlte er sich doch nicht. Es war nicht Heimweh oder Wehmut, sondern Öde, Überdruss, freudenloses Leben, was ihn endlich wieder zur Heimat trieb.

Als er von Straßburg herüberfuhr und den dunkeln Wald seiner Heimat erblickte, als er zum ersten Mal wieder jene kräftigen Gestalten, jene freundlichen, treuen Gesichter der Schwarzwälder sah, da legte er schnell die Hand an sein Herz, denn er glaubte, er müsse sich freuen und müsse weinen zugleich, aber – wie konnte er nur so töricht sein, er hatte ja ein Herz von Stein; und Steine sind tot und lächeln und weinen nicht.

Sein erster Gang war zum Holländer-Michel, der ihn mit alter Freundlichkeit aufnahm; „Michel“, sagte er zu ihm, „gereist bin ich nun, und habe alles gesehen, ist aber alles dummes Zeug und ich hatte nur Langeweile. Überhaupt, Euer steinernes Ding, das ich in der Brust trage, schützt mich zwar vor manchem; ich werde nie zornig, bin nie traurig, aber ich freue mich auch nie, und es ist mir, als wenn ich nur halb lebte. Könnet Ihr das Steinherz nicht ein wenig beweglicher machen, oder - gebt mir lieber mein altes Herz; ich hatte mich in fünfundzwanzig Jahren daran gewöhnt, und wenn es zuweilen auch
einen dummen Streich machte, so war es doch munter und ein fröhliches Herz.“

Der Waldgeist lachte grimmig und bitter: „Wenn du einmal tot bist, Peter Munk“, antwortete er, »dann soll es dir nicht fehlen, dann sollst du dein weiches, rührbares Herz wiederhaben, und du kannst dann fühlen, was kommt, Freud oder Leid; aber hier in der Welt kannst du es nicht mehr bekommen! Doch, Peter! gereist bist du wohl, aber, so wie du lebtest, konnte es dich nichts nützen. Lass dich jetzt hier irgendwo im Wald nieder, bau ein Haus, heirate, lass dein Vermögen arbeiten, Es hat dir nur an Sinn gefehlt, weil du müßig warst, hattest du Langeweile, und schiebst jetzt alles auf dieses unschuldige Herz.“

Peter sah ein, dass Michel recht habe, was den Müßiggang beträfe,
und nahm sich vor, reich und immer reicher zu werden; Michel schenkte ihm noch einmal hunderttausend Gulden und entließ ihn als seinen guten Freund. Bald hörte man im Schwarzwald, der Peter Munk, der Köhler, sei wieder da.

Sein Hauptgeschäft war, mit Korn und Geld zu handeln. Der halbe Schwarzwald wurde ihm nach und nach schuldig, aber er lieh Geld nur auf zehn Prozente aus, oder verkaufte Korn an die Armen, die nicht gleich zahlen konnten, um den dreifachen Wert.

Endlich kam Peter auch auf den Gedanken zu heiraten. Er wusste, dass im ganzen Schwarzwald jeder Vater ihm gerne seine Tochter geben werde; aber er war schwierig in seiner Wahl, denn er wollte, dass man auch hierin sein Glück und seinen Verstand preisen sollte; daher ritt er umher, im ganzen Wald, schaute hier, schaute dort, und keine der schönen Schwarzwälderinnen schien ihm schön genug, bis er endlich – weit weg von den Wirtshäusern und Tanzböden – Lisbeth fand, die Tochter eines Köhlers, der ganz und gar nicht reich war.

Aber es wurde der Armen nicht so gut, als sie sich geträumt hatte. Sie glaubte ihr Hauswesen wohl zu verstehen, aber sie konnte Herrn Peter nichts zu Dank machen, sie hatte Mitleiden mit armen Leuten, und da ihr Eheherr reich war, dachte sie, es sei keine Sünde, einem armen Bettelweib einen Pfennig oder einem alten Mann einen Schnaps zu reichen; aber als Herr Peter dies eines Tages merkte, schrie er sie an:
„Warum verschleuderst du mein Vermögen an die Lumpen und Taugenichtse? Hast du was mitgebracht ins Haus, das du wegschenken könntest und du wirfst das Geld hinaus wie eine Fürstin?“

Eines Tages saß Frau Lisbeth wieder vor dem Haus und nähte und war munter, weil es schön Wetter und Herr Peter ausgeritten war über Feld. Da kommt ein altes Männlein des Weges daher, der trägt einen großen, schweren Sack, und sie hört ihn schon von weitem keuchen. Teilnehmend sieht ihm Lisbeth zu und denkt, einem so alten kleinen Mann sollte man nicht mehr so schwer aufladen.

Sie ging ins Haus, nahm einen Krug vom Gesims und füllte ihn mit Wasser; doch als sie zurückkehrte und nur noch wenige Schritte von ihm war und das Männlein sah, wie es so elend und verkümmert auf dem Sack saß, da fühlte sie inniges Mitleid, bedachte, dass ja ihr Mann nicht zu Hause sei, und so stellte sie den Wasserkrug beiseite, nahm einen Becher und füllte ihn mit Wein, legte ein gutes Roggenbrot darauf und brachte es dem Alten. „So, und ein Schluck Wein mag Euch besser tun als Wasser, da Ihr schon so gar alt seid“, sprach sie.

Das Männlein sah sie staunend an und sagte: Es wird Euch dafür auch recht wohl gehen auf Erden; solch ein Herz bleibt nicht unbelohnt.“
„Den Lohn soll sie zur Stelle haben“, schrie eine wütende Stimme, und als sie sich umsahen, war es Herr Peter mit blutrotem Gesicht. „Und sogar meinen besten Wein schenkst du den Bettlern aus“. Da, nimm deinen Lohn!“ Frau Lisbeth stürzte zu seinen Füßen und bat um Verzeihung, aber das steinerne Herz kannte kein Mitleid, er drehte die Peitsche um, die er in der Hand hielt, und schlug sie mit dem Handgriff von Ebenholz so heftig, dass sie leblos dem alten Mann in die Arme sank.

Als er dies sah, war es doch, als reute ihn die Tat auf der Stelle; er bückte sich herab, zu schauen, ob noch Leben in ihr sei, aber das Männlein sprach mit wohlbekannter Stimme: „Gib dir keine Mühe, Kohlen-Peter, sie ist tot.“

Da wich alles Blut aus Peters Wangen, und er sprach: »Also Ihr seid es, Herr Schatzhauser? Nun, was geschehen ist, ist geschehen, und es hat wohl so kommen müssen. Ich hoffe aber, Ihr werdet mich nicht bei dem Gericht anzeigen als Mörder.“

Doch mit Geierskrallen packte ihn der Waldgeist im Nacken, drehte ihn um, wie ein Wirbelwind dürres Laub, und warf ihn dann zu Boden, dass ihm alle Rippen knackten. »Erdenwurm!« rief er mit einer Stimme, die wie der Donner rollte, »ich könnte dich zerschmettern, wenn ich wollte, denn du hast gegen den Herrn des Waldes gefrevelt. Aber um dieser toten Frau willen, die mich gespeist und getränkt hat, gebe ich dir acht Tage Frist.“

 

30.6.2005

Wie er nun so ganz allein war, da kamen ihm sonderbare Gedanken; er fürchtete sich vor nichts, denn sein Herz war ja kalt, doch er hatte Angst vor dem Tod. Es quält ihn auch nachts im Traume, und alle Augenblicke wachte er auf und meinte eine Stimme zu hören, die ihm zurief: „Peter, schaff dir ein wärmeres Herz!“ Und wenn er erwacht war, schloss er doch schnell wieder die Augen, denn der Stimme nach war es wohl seine Frau, die ihm diese Warnung zurief.

In der nächsten Nacht hörte er wieder fünf oder sechsmal die bekannte Stimme in sein Ohr flüstern: „Peter, schaff dir ein wärmeres Herz!“ Er empfand keine Reue, dass er sie getötet, aber wenn er dem Gesinde sagte, seine Frau sei verreist, so dachte er immer dabei: „Wohin mag sie wohl gereist sein?“ Sechs Tage hatte er es so getrieben, und immer hörte er nachts diese Stimme, und immer dachte er an den Waldgeist und seine schreckliche Drohung; aber am siebenten Morgen sprang er auf von seinem Lager und rief: „Nun ja, will sehen, ob ich mir ein wärmeres Herz verschaffen kann, denn der gleichgültige Stein in meiner Brust macht mir das Leben nur langweilig und öde“.


Er zog schnell seinen Sonntagsstaat an, setzte sich auf sein Pferd und ritt dem Tannenbühl zu. Im Tannenbühl, wo die Bäume dichter standen, saß er ab, band sein Pferd an und ging schnellen Schrittes dem Gipfel des Hügels zu, und als er vor der dicken Tanne stand, sagte er seinen Spruch:

»Schatzhauser im grünen Tannenwald Bist viele hundert Jahre alt, Dem ist all Land, wo Tannen stehen, läßt dich nur Sonntagskindern sehen.«

Da kam das Glasmännlein hervor, aber nicht freundlich und traulich, wie sonst, sondern düster und traurig; es hatte ein Röcklein an von schwarzem Glas und ein langer Trauerflor flatterte herab vom Hut, und Peter wusste wohl, um wen es traure.

„Was willst du von mir, Peter Munk?“ fragte es mit dumpfer Stimme.
„Ich hab noch einen Wunsch, Herr Schatzhauser“, antwortete Peter mit niedergeschlagenen Augen.
„Können Steinherzen noch wünschen?“, sagte jener; „du hast alles, was du für deinen schlechten Sinn bedarfst, und ich werde schwerlich deinen Wunsch erfüllen.“

„Aber Ihr habt mir doch drei Wünsche zugesagt; einen hab ich immer noch übrig.“ „Doch kann ich ihn versagen, wenn er töricht ist“, fuhr der Waldgeist fort, „aber gut, ich will hören, was du willst?“ So nehmet mir den toten Stein heraus und gebt mir mein lebendiges Herz“, sprach
Peter.

„Hab ich den Handel mit dir gemacht?“ fragte das Glasmännlein, „bin ich der Holländer-Michel, der Reichtum und kalte Herzen schenkt? Dort, bei ihm mußt du dein Herz suchen."
„Ach, er gibt es nimmer zurück", antwortete Peter.

„Du tust mir leid“, sprach das Männlein nach einigem Nachdenken. „Aber weil dein Wunsch nicht töricht ist, so kann ich dir wenigstens meine Hilfe nicht abschlagen. So höre. Dein Herz kannst du mit keiner Gewalt mehr bekommen, wohl aber durch List, und es wird vielleicht nicht schwer fallen: denn Michel bleibt doch nur der dumme Michel, obgleich er sich ungemein klug dünkt. So gehe denn geraden Weges zu ihm hin und tue, wie ich dir heiße.“ Und nun unterrichtete er ihn in allem. „Am Leben kann er dir nicht schaden, und er wird dich freilassen, wenn Du ihm in die Augen schauen kannst."

Peter Munk prägte sich alle Worte ins Gedächtnis und ging weiter zum Haus des Holländer-Michels. Er rief dreimal seinen Namen und gleich stand der Riese vor ihm. „Du hast deine Frau erschlagen?“ fragte er lachend, „hät' es auch so gemacht, sie hat dein Vermögen an das Bettelvolk gebracht. Aber du wirst auf einige Zeit außer Landes gehen müssen, denn es wird Lärm machen, wenn man sie nicht findet; und du
brauchst wohl Geld und kommst, um es zu holen?“

„Du hast's erraten“, erwiderte Peter, „und nur recht viel diesmal, denn nach Amerika ist's weit.“ Michel ging voran und brachte ihn in seine Hütte, dort schloss er eine Truhe auf, worin viel Geld lag, und langte ganze Rollen Gold heraus. Während er es so auf den Tisch hinzählte, sprach Peter: „Du bist doch ein loser Vogel, Michel, dass du mich belogen hast, ich hätte einen Stein m der Brust, und du habest mein Herz!“

„Und ist es denn nicht so?“, fragte Michel staunend, „fühlst du denn dein Herz? ist es nicht kalt wie Eis? Hast du Furcht oder Gram, kann dich etwas reuen?“ „Du hast mein Herz nur stillstehen lassen, aber ich hab es noch wie sonst in meiner Brust, du bist nicht der Mann dazu, der einem das Herz so unbemerkt und ohne Gefahr aus der Brust reißen könnte! da müsstest du zaubern können.“

„Aber ich versichere dich“, rief Michel unmutig, „du und alle reichen Leute, die sich auf mich eingelassen haben, haben solche kalte Herzen wie du, und ihre richtigen Herzen habe ich hier in meiner Kammer.“

„Ei, wie dir das Lügen von der Zunge geht!“ lachte Peter. „Das mach du einem andern weis. Meinst du, ich hab auf meinen Reisen nicht solche Kunststücke zu Dutzenden gesehen? Aus Wachs nachgeahmt sind deine Herzen hier in der Kammer. Du bist ein reicher Kerl, das gebe ich zu; aber zaubern kannst du nicht.“

Da ergrimmte der Riese und riss die Kammertüre auf. „Komm herein, und lies die Zettel alle, und jenes dort, schau, das ist Peter Munks Herz; siehst du, wie es zuckt? kann man das auch aus Wachs machen?“
„Und doch ist es aus Wachs“, antwortete Peter. „So schlägt kein richtiges Herz, ich habe das meinige noch in der Brust. Nein, zaubern kannst du nicht!“

„Aber ich will es dir beweisen!“ rief jener ärgerlich, „du sollst es selbst fühlen, dass dies dein Herz ist.“ Er nahm es, riss Peters Wams auf und nahm einen Stein aus seiner Brust und zeigte ihn vor. Dann nahm er das Herz, hauchte es an und setzte es behutsam an seine Stelle, und alsobald fühlte Peter, wie es pochte, und er konnte sich wieder darüber freuen. „Wie fühlst du dich jetzt?“, fragte Michel lächelnd. „Wahrhaftig, du hast doch recht gehabt“, antwortete Peter, „hätt' ich doch nicht geglaubt, dass man dergleichen tun könne!“ „Nicht wahr? und zaubern kann ich, das siehst du; aber komm, jetzt will ich dir den Stein wieder hineinsetzen.“ „Moment, Herr Michel!“ rief Peter, trat einen Schritt zurück und sah dem Holländer-Michel zum ersten Mal in die Augen.

Da wurde Michel kleiner und immer kleiner, fiel nieder und wand sich hin und her wie ein Wurm und ächzte und stöhnte, und alle Herzen umher fingen an zu zucken und zu pochen, dass es tönte wie in der Werkstatt eines Uhrenmachers. Peter aber fürchtete sich, es wurde ihm ganz unheimlich zu Mut, er rannte zur Kammer und zum Haus
hinaus, und klomm, von Angst getrieben, die Felsenwand hinan; denn er hörte, dass Michel sich aufraffte, stampfte und tobte und ihm schreckliche Flüche nachschickte. Als er oben war, lief er dem Tannenbühl zu; ein schreckliches Wetter zog auf, Blitze fielen
links und rechts an ihm nieder und zerschmetterten die Bäume, aber er kam wohlbehalten am Tannenbühel an.

Auch wenn er atemlos war und erschöpft, so pochte doch sein lebendiges Herz.