ÖBV Grabenfest 2005
Das kalte Herz - Ein Märchen?
28. – 30. Juni 2005
Textbuch
28.6.2005 - 29.6.2005 - 30.6.2005
28.6.2005
Intro: Als Peter am Montagmorgen in seine
Glashütte ging, da waren nicht nur seine Arbeiter da,
sondern auch andere Leute, die man nicht gerne sieht, nämlich
der Amtmann und drei Gerichtsdiener. Der Amtmann wünschte
Peter einen guten Morgen, fragte wie er geschlafen, und zog
dann ein langes Register heraus, und darauf waren Peters Gläubiger
verzeichnet.
„Könnt Ihr zahlen oder nicht?“, fragte der
Amtmann mit strengem Blick, „und macht es nur kurz,
denn ich habe nicht viel Zeit zu versäumen, und in den
Turm ist es drei gute Stunden.“ Da verzagte Peter, gestand,
dass er nichts mehr habe, und überließ es dem Amtmann,
Haus und Hof, Hütte und Stall, Wagen und Pferde zu schätzen;
und als die Gerichtsdiener und der Amtmann umhergingen und
prüften und schätzten, dachte er: „Bis zum
Tannenbühl ist's nicht weit, hat mir der Kleine nichts
geholfen, so will ich es einmal mit dem Großen versuchen.“
Er lief
dem Tannenbühl zu, so schnell, als ob die Gerichtsdiener
ihm auf den Fersen wären, und kaum hatte er, beinahe
atemlos, nach dem Holländer Michel gerufen, als auch
schon der riesengroße Flözer mit seiner Stange
vor ihm stand.
„Kommst du?“ sprach dieser lachend, „haben
sie dir die Haut abziehen und deinen Gläubigern verkaufen
wollen? Folge mir in mein Haus, dort wollen sehen, ob wir
Handels einig werden.“
Die Stube, worein Peter geführt wurde, unterschied sich
durch nichts von den Stuben anderer Leute, als dadurch dass
sie einsam schien. Die hölzerne Wanduhr, der ungeheure
Kachelofen, die breiten Bänke, die Gerätschaften
auf den Gesimsen waren hier wie überall. Michel wies
ihm einen Platz hinter dem großen Tisch an, ging dann
hinaus und kam bald mit einem Krug Wein und Gläsern wieder.
Er goss ein, und nun
schwatzten sie, und Holländer-Michel erzählte von
den Freuden der Welt, von fremden Ländern, schönen
Städten und Flüssen, dass Peter, am Ende große
Sehnsucht darnach bekommend, dies auch offen dem Holländer
erzählte.
„Wenn du im ganzen Körper Mut und Kraft etwas zu
unternehmen hattest, da konnten ein paar Schläge des
dummen Herzens dich zittern machen; und dann die Kränkungen
der Ehre, das Unglück, für was soll sich ein vernünftiger
Kerl um dergleichen bekümmern? Hast du's im Kopf empfunden,
als dich letzthin einer einen Betrüger und schlechten
Kerl nannte? Hat es dir im Magen wehe getan, als der Amtmann
kam, dich
aus dem Haus zu werfen? Was? sag an, was hat dir wehgetan?“
„Mein Herz“, sprach Peter, indem er die Hand auf
die pochende Brust presste, denn es war ihm, als ob sein Herz
sich ängstlich hin und her wendete. „Du hast, nimm
mir es nicht übel, du hast viele hundert Gulden an schlechte
Bettler und anderes Gesindel weggeworfen; was hat es dich
genützt? Sie haben dir dafür Segen und einen gesunden
Leib gewünscht; ja bist du deswegen gesünder geworden?
Um die Hälfte des verschleuderten Geldes hättest
du einen Arzt gehalten. Segen, ja, ein schöner Segen,
wenn man ausgepfändet und ausgestoßen wird! Und
was war es, das dich getrieben, in die Tasche zu fahren, sooft
ein Bettelmann seinen zerlumpten Hut hinstreckte? –
Dein Herz, auch wieder dein Herz, und weder deine Augen noch
deine
Zunge, deine Arme noch deine Beine, sondern dein Herz ...
Du hast dir es, wie man richtig sagt, zu sehr zu Herzen genommen.“
„Aber wie kann man sich denn angewöhnen, dass es
nicht mehr so ist? Ich gebe mir jetzt alle Mühe, es zu
unterdrücken, und dennoch pocht mein Herz und tut mir
weh.“
„Du freilich“, rief jener mit Lachen, „du
armer Schelm, kannst nichts dagegen tun; aber gib mir das
kaum pochende Ding und du wirst sehen, wie gut du es dann
hast.“
„Euch, mein Herz?“ schrie Peter mit Entsetzen.
„Da müsste ich ja sterben auf der Stelle!
Nimmermehr!“.
„Ja, wenn dir einer eurer Herrn Chirurgen das Herz aus
dem Leib operieren wollte, da müsstest du wohl sterben;
bei mir ist dies ein anderes Ding; doch komm herein und überzeuge
dich selbst.“
Er stand bei diesen Worten auf, öffnete eine Kammertüre
und führte Peter hinein. Sein Herz zog sich krampfhaft
zusammen, als er über die Schwelle trat, aber er achtete
es nicht, denn der Anblick, der sich ihm bot, war sonderbar
und überraschend. Auf mehreren Gesimsen von Holz standen
Gläser, mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllt,
und in jedem dieser Gläser lag ein Herz, auch waren an
den Gläsern Zettel angeklebt
und Namen darauf geschrieben, die Peter neugierig las; da
war das Herz des Amtmanns; das Herz des Tanzboden-Königs,
das Herz des Oberförsters; da waren sechs Herzen von
Kornwucherern, acht von Werbe-Offizieren, drei von Geldmaklern
- kurz es war eine Sammlung der angesehensten Herzen in der
Umgegend von zwanzig Stunden.
„Schau!“ sprach Holländer-Michel, „diese
alle haben des Lebens Ängste und Sorgen weggeworfen,
keines dieser Herzen schlägt mehr ängstlich und
besorgt, und ihre ehemaligen Besitzer befinden sich wohl dabei,
dass sie den unruhigen Gast aus dem Hause haben.“
„Aber was tragen sie denn jetzt dafür in der Brust?“
fragte Peter, den dies alles, was er gesehen, beinahe schwindeln
machte. „Dies“, antwortete jener, und reichte
ihm aus einem Schubfach - ein steinernes Herz.
„So?“ erwiderte er und konnte sich eines Schauers,
der ihm über die Haut ging, nicht erwehren. „Ein
Herz aus Marmor? Aber, horch einmal, Herr Holländer-Michel,
das muss doch gar kalt sein in der Brust.“
„Freilich, aber ganz angenehm kühl; warum soll
denn ein Herz warm sein? im Winter nützt dich die Wärme
nichts, da hilft ein guter Kirschgeist mehr als ein warmes
Herz, und im Sommer, wenn alles schwül und heiß
ist - du glaubst nicht, wie dann solch ein Herz abkühlt;
und wie gesagt, weder Angst noch Schrecken, weder törichtes
Mitleiden noch anderer Jammer pocht an solch ein Herz.“
„Und das ist alles, was Ihr mir geben könnet“,
fragte Peter unmutig, „ich hoff auf Geld, und Ihr wollet
mir einen Stein geben!“
„Nu, ich denke an hunderttausend Gulden hättest
du fürs erste genug; wenn du es geschickt machst, kannst
du bald ein Millionär werden.“
„Hunderttausend?“, rief der arme Köhler freudig,
„nun, so poche doch nicht so ungestüm in meiner
Brust, wir werden bald fertig sein miteinander. Gut, Michel;
gebt mir den Stein und das Geld und die Unruh könnet
Ihr aus dem Gehäuse nehmen.“
„Ich dachte es doch, dass du ein vernünftiger Bursche
bist«, antwortete der Holländer freundlich lächelnd,
»komm, lass uns noch eins trinken, und dann will ich
das Geld auszahlen.“ So setzten sie sich wieder in die
Stube zum Wein, tranken und tranken wieder, bis Peter in einen
tiefen Schlaf verfiel.
Peter Munk wunderte sich über sich selbst, dass er gar
nicht wehmütig werden konnte, als er jetzt zum ersten
Mal aus der stillen Heimat, aus den Wäldern, wo er so
lange gelebt, auszog. „Ach natürlich“, sagte
er zu sich: „Tränen und Seufzer, Heimweh und Wehmut
kommen ja aus dem Herzen, und Dank dem Holländer-Michel
ist das meine kalt und von Stein.“ Er legte seine Hand
auf die Brust, und es war ganz ruhig dort und rührte
sich nichts; „wenn er mit den Hunderttausenden so gut
Wort hielt wie mit dem Herz, so soll es mich freuen“,
sprach er und fing an, seinen Wagen zu untersuchen.
Er fand Kleidungsstücke von aller Art, wie er sie nur
wünschen konnte, aber kein Geld; endlich stieß
er auf eine Tasche und viele tausend Taler in Gold und Scheinen,
auf Handlungshäuser in allen großen Städten.
„Jetzt hab ich's, wie ich's wollte“, dachte er,
setzte sich bequem in die Ecke des Wagens, und fuhr in die
weite Welt.
Er fuhr zwei Jahre in der Welt umher, und schaute aus seinem
Wagen links und rechts an den Häusern hinauf, schaute,
wenn er anhielt, nichts als das Schild seines Wirtshauses
an, lief dann in der Stadt umher und ließ sich die schönsten
Merkwürdigkeiten zeigen; aber es freute ihn nichts, kein
Bild, kein Haus, keine Musik, kein Tanz, sein Herz von Stein
nahm an nichts Anteil, und seine Augen, seine Ohren waren
abgestumpft für alles Schöne.
Wenn er so über die Vergangenheit nachdachte, so kam
es ihm ganz sonderbar vor, dass er jetzt nicht einmal lachen
konnte, und sonst hatte er über den kleinsten Scherz
gelacht; wenn andere lachten, so verzog er nur aus Höflichkeit
den Mund, aber sein Herz lächelte nicht mit. Er fühlte
dann, dass er zwar überaus ruhig sei – aber zufrieden
fühlte er sich doch nicht. Es war nicht Heimweh oder
Wehmut, sondern Öde, Überdruss, freudenloses Leben,
was ihn endlich wieder zur Heimat trieb.
Als er von Straßburg herüberfuhr und den dunkeln
Wald seiner Heimat erblickte, als er zum ersten Mal wieder
jene kräftigen Gestalten, jene freundlichen, treuen Gesichter
der Schwarzwälder sah, da legte er schnell die Hand an
sein Herz, denn er glaubte, er müsse sich freuen und
müsse weinen zugleich, aber – wie konnte er nur
so töricht sein, er hatte ja ein Herz von Stein; und
Steine sind tot und lächeln und weinen nicht.
Sein erster Gang war zum Holländer-Michel, der ihn mit
alter Freundlichkeit aufnahm; „Michel“, sagte
er zu ihm, „gereist bin ich nun, und habe alles gesehen,
ist aber alles dummes Zeug und ich hatte nur Langeweile. Überhaupt,
Euer steinernes Ding, das ich in der Brust trage, schützt
mich zwar vor manchem; ich werde nie zornig, bin nie traurig,
aber ich freue mich auch nie, und es ist mir, als wenn ich
nur halb lebte. Könnet Ihr das Steinherz nicht ein wenig
beweglicher machen, oder - gebt mir lieber mein altes Herz;
ich hatte mich in fünfundzwanzig Jahren daran gewöhnt,
und wenn es zuweilen auch
einen dummen Streich machte, so war es doch munter und ein
fröhliches Herz.“
Der Waldgeist lachte grimmig und bitter: „Wenn du einmal
tot bist, Peter Munk“, antwortete er, »dann soll
es dir nicht fehlen, dann sollst du dein weiches, rührbares
Herz wiederhaben, und du kannst dann fühlen, was kommt,
Freud oder Leid; aber hier in der Welt kannst du es nicht
mehr bekommen! Doch, Peter! gereist bist du wohl, aber, so
wie du lebtest, konnte es dich nichts nützen. Lass dich
jetzt hier irgendwo im Wald nieder, bau ein Haus, heirate,
lass dein Vermögen arbeiten, Es hat dir nur an Sinn gefehlt,
weil du müßig warst, hattest du Langeweile, und
schiebst jetzt alles auf dieses unschuldige Herz.“
Peter sah ein, dass Michel recht habe, was den Müßiggang
beträfe,
und nahm sich vor, reich und immer reicher zu werden; Michel
schenkte ihm noch einmal hunderttausend Gulden und entließ
ihn als seinen guten Freund. Bald hörte man im Schwarzwald,
der Peter Munk, der Köhler, sei wieder da.
Sein Hauptgeschäft war, mit Korn und Geld zu handeln.
Der halbe Schwarzwald wurde ihm nach und nach schuldig, aber
er lieh Geld nur auf zehn Prozente aus, oder verkaufte Korn
an die Armen, die nicht gleich zahlen konnten, um den dreifachen
Wert.
Endlich kam Peter auch auf den Gedanken zu heiraten. Er wusste,
dass im ganzen Schwarzwald jeder Vater ihm gerne seine Tochter
geben werde; aber er war schwierig in seiner Wahl, denn er
wollte, dass man auch hierin sein Glück und seinen Verstand
preisen sollte; daher ritt er umher, im ganzen Wald, schaute
hier, schaute dort, und keine der schönen Schwarzwälderinnen
schien ihm schön genug, bis er endlich – weit weg
von den Wirtshäusern und Tanzböden – Lisbeth
fand, die Tochter eines Köhlers, der ganz und gar nicht
reich war.
Aber es wurde der Armen nicht so gut, als sie sich geträumt
hatte. Sie glaubte ihr Hauswesen wohl zu verstehen, aber sie
konnte Herrn Peter nichts zu Dank machen, sie hatte Mitleiden
mit armen Leuten, und da ihr Eheherr reich war, dachte sie,
es sei keine Sünde, einem armen Bettelweib einen Pfennig
oder einem alten Mann einen Schnaps zu reichen; aber als Herr
Peter dies eines Tages merkte, schrie er sie an:
„Warum verschleuderst du mein Vermögen an die Lumpen
und Taugenichtse? Hast du was mitgebracht ins Haus, das du
wegschenken könntest und du wirfst das Geld hinaus wie
eine Fürstin?“
Eines Tages saß Frau Lisbeth wieder vor dem Haus und
nähte und war munter, weil es schön Wetter und Herr
Peter ausgeritten war über Feld. Da kommt ein altes Männlein
des Weges daher, der trägt einen großen, schweren
Sack, und sie hört ihn schon von weitem keuchen. Teilnehmend
sieht ihm Lisbeth zu und denkt, einem so alten kleinen Mann
sollte man nicht mehr so schwer aufladen.
Sie ging ins Haus, nahm einen Krug vom Gesims und füllte
ihn mit Wasser; doch als sie zurückkehrte und nur noch
wenige Schritte von ihm war und das Männlein sah, wie
es so elend und verkümmert auf dem Sack saß, da
fühlte sie inniges Mitleid, bedachte, dass ja ihr Mann
nicht zu Hause sei, und so stellte sie den Wasserkrug beiseite,
nahm einen Becher und füllte ihn mit Wein, legte ein
gutes Roggenbrot darauf und brachte es dem Alten. „So,
und ein Schluck Wein mag Euch besser tun als Wasser, da Ihr
schon so gar alt seid“, sprach sie.
Das Männlein sah sie staunend an und sagte: Es wird Euch
dafür auch recht wohl gehen auf Erden; solch ein Herz
bleibt nicht unbelohnt.“
„Den Lohn soll sie zur Stelle haben“, schrie eine
wütende Stimme, und als sie sich umsahen, war es Herr
Peter mit blutrotem Gesicht. „Und sogar meinen besten
Wein schenkst du den Bettlern aus“. Da, nimm deinen
Lohn!“ Frau Lisbeth stürzte zu seinen Füßen
und bat um Verzeihung, aber das steinerne Herz kannte kein
Mitleid, er drehte die Peitsche um, die er in der Hand hielt,
und schlug sie mit dem Handgriff von Ebenholz so heftig, dass
sie leblos dem alten Mann in die Arme sank.
Als er dies sah, war es doch, als reute ihn die Tat auf der
Stelle; er bückte sich herab, zu schauen, ob noch Leben
in ihr sei, aber das Männlein sprach mit wohlbekannter
Stimme: „Gib dir keine Mühe, Kohlen-Peter, sie
ist tot.“
Da wich alles Blut aus Peters Wangen, und er sprach: »Also
Ihr seid es, Herr Schatzhauser? Nun, was geschehen ist, ist
geschehen, und es hat wohl so kommen müssen. Ich hoffe
aber, Ihr werdet mich nicht bei dem Gericht anzeigen als Mörder.“
Doch mit Geierskrallen packte ihn der Waldgeist im Nacken,
drehte ihn um, wie ein Wirbelwind dürres Laub, und warf
ihn dann zu Boden, dass ihm alle Rippen knackten. »Erdenwurm!«
rief er mit einer Stimme, die wie der Donner rollte, »ich
könnte dich zerschmettern, wenn ich wollte, denn du hast
gegen den Herrn des Waldes gefrevelt. Aber um dieser toten
Frau willen, die mich gespeist und getränkt hat, gebe
ich dir acht Tage Frist.“
30.6.2005
Wie er nun so ganz allein war, da
kamen ihm sonderbare Gedanken; er fürchtete sich vor
nichts, denn sein Herz war ja kalt, doch er hatte Angst vor
dem Tod. Es quält ihn auch nachts im Traume, und alle
Augenblicke wachte er auf und meinte eine Stimme zu hören,
die ihm zurief: „Peter, schaff dir ein wärmeres
Herz!“ Und wenn er erwacht war, schloss er doch schnell
wieder die Augen, denn der Stimme nach war es wohl seine Frau,
die ihm diese Warnung zurief.
In der nächsten Nacht hörte er wieder fünf
oder sechsmal die bekannte Stimme in sein Ohr flüstern:
„Peter, schaff dir ein wärmeres Herz!“ Er
empfand keine Reue, dass er sie getötet, aber wenn er
dem Gesinde sagte, seine Frau sei verreist, so dachte er immer
dabei: „Wohin mag sie wohl gereist sein?“ Sechs
Tage hatte er es so getrieben, und immer hörte er nachts
diese Stimme, und immer dachte er an den Waldgeist und seine
schreckliche Drohung; aber am siebenten Morgen sprang er auf
von seinem Lager und rief: „Nun ja, will sehen, ob ich
mir ein wärmeres Herz verschaffen kann, denn der gleichgültige
Stein in meiner Brust macht mir das Leben nur langweilig und
öde“.
Er zog schnell seinen Sonntagsstaat an, setzte sich auf sein Pferd und ritt dem Tannenbühl zu. Im Tannenbühl, wo die Bäume dichter standen, saß er ab, band sein Pferd an und ging schnellen Schrittes dem Gipfel des Hügels zu, und als er vor der dicken Tanne stand, sagte er seinen Spruch:
»Schatzhauser im grünen Tannenwald Bist viele hundert Jahre alt, Dem ist all Land, wo Tannen stehen, läßt dich nur Sonntagskindern sehen.«
Da kam das Glasmännlein hervor, aber nicht freundlich
und traulich, wie sonst, sondern düster und traurig;
es hatte ein Röcklein an von schwarzem Glas und ein langer
Trauerflor flatterte herab vom Hut, und Peter wusste wohl,
um wen es traure.
„Was willst du von mir, Peter Munk?“ fragte es
mit dumpfer Stimme.
„Ich hab noch einen Wunsch, Herr Schatzhauser“,
antwortete Peter mit niedergeschlagenen Augen.
„Können Steinherzen noch wünschen?“,
sagte jener; „du hast alles, was du für deinen
schlechten Sinn bedarfst, und ich werde schwerlich deinen
Wunsch erfüllen.“
„Aber Ihr habt mir doch drei Wünsche zugesagt;
einen hab ich immer noch übrig.“ „Doch kann
ich ihn versagen, wenn er töricht ist“, fuhr der
Waldgeist fort, „aber gut, ich will hören, was
du willst?“ So nehmet mir den toten Stein heraus und
gebt mir mein lebendiges Herz“, sprach
Peter.
„Hab ich den Handel mit dir gemacht?“ fragte das
Glasmännlein, „bin ich der Holländer-Michel,
der Reichtum und kalte Herzen schenkt? Dort, bei ihm mußt
du dein Herz suchen."
„Ach, er gibt es nimmer zurück", antwortete
Peter.
„Du tust mir leid“, sprach das Männlein nach
einigem Nachdenken. „Aber weil dein Wunsch nicht töricht
ist, so kann ich dir wenigstens meine Hilfe nicht abschlagen.
So höre. Dein Herz kannst du mit keiner Gewalt mehr bekommen,
wohl aber durch List, und es wird vielleicht nicht schwer
fallen: denn Michel bleibt doch nur der dumme Michel, obgleich
er sich ungemein klug dünkt. So gehe denn geraden Weges
zu ihm hin und tue, wie ich dir heiße.“ Und nun
unterrichtete er ihn in allem. „Am Leben kann er dir
nicht schaden, und er wird dich freilassen, wenn Du ihm in
die Augen schauen kannst."
Peter Munk prägte sich alle Worte ins Gedächtnis
und ging weiter zum Haus des Holländer-Michels. Er rief
dreimal seinen Namen und gleich stand der Riese vor ihm. „Du
hast deine Frau erschlagen?“ fragte er lachend, „hät'
es auch so gemacht, sie hat dein Vermögen an das Bettelvolk
gebracht. Aber du wirst auf einige Zeit außer Landes
gehen müssen, denn es wird Lärm machen, wenn man
sie nicht findet; und du
brauchst wohl Geld und kommst, um es zu holen?“
„Du hast's erraten“, erwiderte Peter, „und
nur recht viel diesmal, denn nach Amerika ist's weit.“
Michel ging voran und brachte ihn in seine Hütte, dort
schloss er eine Truhe auf, worin viel Geld lag, und langte
ganze Rollen Gold heraus. Während er es so auf den Tisch
hinzählte, sprach Peter: „Du bist doch ein loser
Vogel, Michel, dass du mich belogen hast, ich hätte einen
Stein m der Brust, und du habest mein Herz!“
„Und ist es denn nicht so?“, fragte Michel staunend,
„fühlst du denn dein Herz? ist es nicht kalt wie
Eis? Hast du Furcht oder Gram, kann dich etwas reuen?“
„Du hast mein Herz nur stillstehen lassen, aber ich
hab es noch wie sonst in meiner Brust, du bist nicht der Mann
dazu, der einem das Herz so unbemerkt und ohne Gefahr aus
der Brust reißen könnte! da müsstest du zaubern
können.“
„Aber ich versichere dich“, rief Michel unmutig,
„du und alle reichen Leute, die sich auf mich eingelassen
haben, haben solche kalte Herzen wie du, und ihre richtigen
Herzen habe ich hier in meiner Kammer.“
„Ei, wie dir das Lügen von der Zunge geht!“
lachte Peter. „Das mach du einem andern weis. Meinst
du, ich hab auf meinen Reisen nicht solche Kunststücke
zu Dutzenden gesehen? Aus Wachs nachgeahmt sind deine Herzen
hier in der Kammer. Du bist ein reicher Kerl, das gebe ich
zu; aber zaubern kannst du nicht.“
Da ergrimmte der Riese und riss die Kammertüre auf. „Komm
herein, und lies die Zettel alle, und jenes dort, schau, das
ist Peter Munks Herz; siehst du, wie es zuckt? kann man das
auch aus Wachs machen?“
„Und doch ist es aus Wachs“, antwortete Peter.
„So schlägt kein richtiges Herz, ich habe das meinige
noch in der Brust. Nein, zaubern kannst du nicht!“
„Aber ich will es dir beweisen!“ rief jener ärgerlich,
„du sollst es selbst fühlen, dass dies dein Herz
ist.“ Er nahm es, riss Peters Wams auf und nahm einen
Stein aus seiner Brust und zeigte ihn vor. Dann nahm er das
Herz, hauchte es an und setzte es behutsam an seine Stelle,
und alsobald fühlte Peter, wie es pochte, und er konnte
sich wieder darüber freuen. „Wie fühlst du
dich jetzt?“, fragte Michel lächelnd. „Wahrhaftig,
du hast doch recht gehabt“, antwortete Peter, „hätt'
ich doch nicht geglaubt, dass man dergleichen tun könne!“
„Nicht wahr? und zaubern kann ich, das siehst du; aber
komm, jetzt will ich dir den Stein wieder hineinsetzen.“
„Moment, Herr Michel!“ rief Peter, trat einen
Schritt zurück und sah dem Holländer-Michel zum
ersten Mal in die Augen.
Da wurde Michel kleiner und immer kleiner, fiel nieder und
wand sich hin und her wie ein Wurm und ächzte und stöhnte,
und alle Herzen umher fingen an zu zucken und zu pochen, dass
es tönte wie in der Werkstatt eines Uhrenmachers. Peter
aber fürchtete sich, es wurde ihm ganz unheimlich zu
Mut, er rannte zur Kammer und zum Haus
hinaus, und klomm, von Angst getrieben, die Felsenwand hinan;
denn er hörte, dass Michel sich aufraffte, stampfte und
tobte und ihm schreckliche Flüche nachschickte. Als er
oben war, lief er dem Tannenbühl zu; ein schreckliches
Wetter zog auf, Blitze fielen
links und rechts an ihm nieder und zerschmetterten die Bäume,
aber er kam wohlbehalten am Tannenbühel an.
Auch wenn er atemlos war und erschöpft, so pochte doch
sein lebendiges Herz.
