Mit der ÖBV durchs Leben
ÖBV Grabenfest 2006
Hommage an Samuel Beckett
27. – 29. Juni 2006
Literatur in Musik gegossen
Sinnlich besetzte Hörwinkel
„Bei Beckett ist das Dennoch das Schöne“. Dieses Zitat von Christoph Marthaler bringt nicht nur punktgenau jenes Gefühl zum Ausdruck, das Samuel Becketts Werke zwischen den Zeilen zu vermitteln verstehen, sondern auch einen Aspekt, den Komponisten wie György Kurtág, Morton Feldman, Philip Glass oder Heinz Holliger zur Transformation in musikalische Texturen reizte.
Sprache wird – bei den zuvor erwähnten Komponisten - in Musik gegossen, wiewohl bei Becketts Texten dieses zuvor angesprochene, stets latent vorhandene „Dennoch“ jede Menge Raum für „wortneutrale“ Interpretationen gewährt. Somit weitet sich nicht nur der Spielraum für Komponisten, sondern auch das Feld der künstlerischen Annährungsstrategien.
Diesem nach allen Seiten hin offenen literarischen Geist, der am 13. April dieses Jahres 100 Jahre alt geworden wäre, einen musikalischen Festivalschwerpunkt zu widmen, war eine Idee, die – wie ÖBV Generaldirektor und GrabenFest-Initiator Johann Hauf konstatierte – „im Rahmen von vielen Gesprächen heranwuchs“ und letztlich in der Schwerpunktsetzung des 15. GrabenFestes gipfelte. Wobei nicht eine Annäherung im Sinne einer musikalischen Textinterpretation im Mittelpunkt stand, sondern Becketts Werk sollte lediglich als Inspirationsquelle, bzw. als Reflexionsfläche dienen. Generaldirektor Hauf brachte das diesjährige Festivalmotto prägnant auf den Punkt: „Becketts Werk soll auf musikalische Art und Weise Fortsetzung finden“.
Ein spannendes Vorhaben, das sich in vielerlei Hinsicht lohnte. Denn das diesjährige GrabenFest (27. bis 29. Juni) brachte nicht nur eine Reihe von gelungenen Uraufführungen, sondern auch ein betont abwechslungsreiches Programm. Hierfür verantwortlich zeichnete – wie bereits im Vorjahr – Kurator Achim Tang. Interessantes Detail: Achim Tang vertraut in Sachen Auswahl der Komponistinnen und Komponisten ausschließlich auf seinen – wohlgemerkt – guten Geschmack. „Mir ist in diesem Zusammenhang wichtig, dass es Künstler sind, die man hierzulande selten zu hören bekommt.“
Wie beispielsweise Werke der abwechselnd in Pisa und Bratislava lebenden Komponistin Tiziana Bertoncini. Ihr im Auftrag der ÖBV komponiertes Werk „interno immobile“ nimmt Bezug auf Becketts Einakter „Endspiel“. Konzipiert für Trompete, Schlagwerk und Kontrabass, gewannen einzelne Klangstränge behutsam an Fläche, wobei sich im Faktor Zeit immer spannendere Klangfenster öffneten. Unter der Leitung von Thomas Lehn verschmolzen singuläre Tonfragmente zu einer fein akzentuierten Höroberfläche.
Dass inmitten dieser gezielt abgezirkelten Kompositionstechnik auch der Zufall genügend Raum zur Entfaltung fand, ist ein Kapitel, das wiederum seitens des Wetters geschrieben wurde. Denn just im letzten Drittel des Werkes entlud sich über der Wiener Innenstadt ein Gewitter, was die stimmige Atmosphäre im Grabenhof allerdings nicht im Geringsten zu trüben vermochte. Im Gegenteil. Die Plane des sorgsam überdachten Innenhofes mutierte zum zusätzlichen Klanggenerator. So mischte sich das Prasseln der Regentropfen ebenso nahtlos ins Klanggeschehen, wie vorbeiziehendes Donnergrollen. Mit anderen Worten: Eine Uraufführung, die tatsächlich wie der Blitz einschlug und den Eröffnungsabend zu einem wahrlich unvergesslichen Event machte.
Jede Menge Überraschungspotential brachte auch der darauf folgende Festivaltag. Denn zum zweiten Mal in der Geschichte des GrabenFestes ging mit „instanded i turn“ eine Performance über die Bühne. Konkret ein ineinander verzahntes, sich diverser künstlerischer Ausdrucksformen bedienendes „Zwiegespräch“ zwischen der kanadisch/griechischen Tänzerin Litó Walkey und dem österreichischem Musiker Boris Hauf. Skurril anmutendes Bewegungsvokabular wechselte mit musikalischen Anknüpfungspunkten, die Inspiration aus Becketts Film „film“ schöpften. Eine offene Idee von Tanz, die mit isolierten Bewegungen eine individuelle Reflexion auf Becketts Bildersprache bot.
Eben dieser Intention folgte auch Klaus Gesings Solo „II: seh mich nicht : ich :II“, das ebenfalls Bezug auf Becketts „film“ nahm. Quasi als optische Ergänzung zu Bassklarinette und Sopransaxofon fungierte ein überdimensional großes, rund 30 Kilogramm schweres Pendel, dessen ausladende Schwingbewegung tatsächlich den gesamten Bühnenraum durchmaß. Dass darüber hinaus als „dritte Ebene“ noch bearbeitete Fragmente des Buster Keaton „film“-Klassikers auf Video projiziert wurden, verlieh dem Szenario zusätzlich gleichwohl an Dimension wie Präzision. Denn das Timing zwischen diesen drei Ebenen war punktgenau aufeinander abgestimmt: Als die Musik nach gut 40 Minuten in Stille überging, war auch – wie von Zauberhand – alle Bewegung aus dem Pendel hinausgestoppt und anstelle der Interaktion zwischen Musik/Bild/Bewegung trat uneingeschränktes Staunen.
Wobei an dieser Stelle eine kurze literarische Bemerkung gestattet sei, zumal es alles andere als Zufall sein dürfte, dass Klaus Gesing just auf die Magie der Pendelbewegung setzte. Denn während – in Metaphern gesprochen - beispielsweise James Joyce im Rahmen seiner Schreibtechnik besagte Bewegung des Hin und Her im positiven Sinne nutzt, um Wirklichkeitsfragmente zusammenzutragen, aus denen sich dann addierend eine ganze Welt aufbauen lässt, setzt Beckett diese Bewegung negierend ein. Konkret um Platz zu schaffen für das Unaussprechbare zwischen den Sprachfragmenten und den mit ihnen korrelierenden Weltsplittern. Womit in gewisser Weise wieder das diesjährige Festivalmotto „Ohne Worte“ angesprochen wäre. Denn die indirekte Mitteilsamkeit instrumentaler Klängen prägte auch den rundum faszinierenden dritten Festivalabend.
Den Auftakt machte niemand Geringerer als der amerikanische Jazz-Gitarrist Scott Fields, der sieben Beckett-Theatereinakter in Musik übersetzte. Kongenial begleitet wurde der derzeit in Köln lebende Musiker von Mathias Koch (Schlagzeug), Niklas Seidl (Cello) und Clemens Salesny (Saxofon). Irgendwo zwischen Schwermut und humoreskem Aufbegehren angesiedelt, gipfelte der Gig in einer brillanten Hommage an den vielseitig begabten Nobelpreisträger, der nach eigener Aussage im Laufe seines 83 jährigen Lebens immer misstrauischer gegenüber dem geschriebenen Wort wurde. Womit Becketts vermehrte – ebenfalls stilprägende - Regietätigkeit nicht zuletzt auch als Flucht vor dem Schreibtisch verstanden werden kann.
Apropos Stil: Gemäß der Tradition des GrabenFestes wurde auch heuer wieder ein „Basis-Ensemble“ ins Leben gerufen. Diesmal liehen mit Uli Fussenegger (Kontrabass), Berndt Thurner (Marimba/Vibraphon) und Alfred Gaal sowie Alfred Gaal und Lorenz Raab (Trompete) dem Wiener Klangforum nahe stehende Spitzenmusiker den uraufgeführten Werken ihren musikalischen Atem. Kurator Achim Tang war in diesem Zusammenhang wichtig „Musiker zu finden, die kammermusikalisch arbeiten können.“ Das heißt, dass per se keine elektronische Verstärkung ins Spiel gebracht werden muss, sondern demzufolge auf die, den jeweiligen Instrumenten innewohnenden, Klangstrukturen vertraut wird.
Wie dies beispielsweise auch beim – das Festival abrundenden Auftragswerk – „sysiphos“ der Fall war. Begleitet vom Ensemble 06 brachte der steirische Ausnahme-Akkordeonist Christian Bakanic einen Klangzauber von nachgerader verführerischer Schönheit zu Gehör. Von Musik beseelte Augenblicke, die sich nicht nur nachhaltig ins Gedächtnis einschrieben, sondern auch bester Beweis dafür sind, dass zeitgenössisches Komponieren und lustvolles Zuhören keine Parallelen sind, die sich erst im Unendlichen treffen, sondern tatsächlich weitaus früher; nämlich im Hier und Jetzt. In diesem Sinne war das GrabenFest 06 mit Sicherheit eines der intensivsten, weil unter glückhaft ausgewogenen und überaus sinnlich besetzten Hörwinkeln stehend.
Mit anderen Worten: Der seitens der ÖBV geschenkte Vertrauensbonus wurde von den Komponistinnen und Komponisten mit schillernden Werken erwidert. Was wiederum Widerhall im sichtlich zufriedenen Publikum fand. Denn: So facettenreich in musikalischer Hinsicht die drei Abende verliefen, so konstant positiv war die Stimmung im Publikum. Womit das Konzept von Achim Tang aufgegangen sein dürfte, der seine Intention vorab wie folgt formulierte: „Mein Ziel ist es, dass wir verschiedene Blickwinkel auf das Phänomen Neue Musik werfen. Schließlich ist zeitgenössische Musik weitaus mehr als das konsequente Arbeiten an Tonstrukturen und Geräuschen. Meiner Ansicht nach gehört Jazz ebenso dazu wie Neue Volksmusik.“ In diesem Sinne gingen Experiment und Tradition bruchlos und entsprechend harmonisch ineinander über.
Ein Prozess, den Achim Tang übrigens ganz bewusst steuerte, indem er Heinz Holligers „Lieder ohne Worte“ (Klavier: Janna Polyzoides, Violine: Demetrius Polyzoides) an den Anfang des dreitägigen Festivals setzte. Und zwar aus folgendem Grund: „Für mich fungierten Holliger Lieder wie ein roter Faden. Wobei die darauf folgenden Uraufführungen nicht nur die zeitliche Entwicklung, sondern auch die mannigfaltigen Bezugspunkte verdeutlichten“. Somit schien nach drei Festivaltagen tatsächlich jener Punkt erreicht, an dem sich das eingangs erwähnte „Dennoch“ nun auch in musikalischer Hinsicht in vielschichtigen Varianten erschloss.
Christine Dobretsberger

Christine Dobretsberger ist Journalistin in Wien. Sie ist
auch Autorin des von der ÖBV initiierten und unterstützten
Buches "Mozarts Erben", das zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten
in Wort und Bild vorstellt.
