Mit der ÖBV durchs Leben

ÖBV Grabenfest 2006
Hommage an Samuel Beckett
27. – 29. Juni 2006
Ö1 Kulturjournal
Grabenfest 2006 im Zeichen Becketts
Tiziana Bertoncini hat eine klassische Musikausbildung hinter sich: am Konservatorium in Siena hat sie das Violin-Studium absolviert und in Orchestern und Ensembles mitgewirkt. Doch schon während ihrer Ausbildung war der 1969 in Pisa geborenen Künstlerin klar, dass sie den Rahmen der reinen Interpretation abendländischer Musik sprengen wollte. "Die klassische Szene lässt mir keinen Raum, selbst kreativ zu sein. Das ist einfach zu wichtig für mich. Wenn man etwa Kammermusik spielt, nimmt das sehr viel Zeit ein. Da kann man nicht zusätzlich noch seine eigene Musik machen. Mir wäre das einfach zu viel."
Sinnlosigkeit menschlichen Daseins
Bald hat sich Bertoncini darauf konzentriert, eigene Musikarrangements
zu machen. Sie ist überzeugt davon, dass die Violine
und überhaupt die Streichinstrumente klanglich mehr Möglichkeiten
zulassen, als die abendländische Musiktradition vorsieht.
Bei zahlreichen Festivals, vor allem in Deutschland und Italien,
die sich mit zeitgenössischer oder Improvisationsmusik
befassen, war die Musikerin bereits zu Gast.
Für das Grabenfest hat sie ihren ersten eigentlichen Kompositionsauftrag erhalten. Das Stück mit dem Titel "interno immobile" befasst sich mit Becketts Theaterstück "End Game", dessen tragendes Moment, wie oft bei Beckett, die Sinnlosigkeit menschlichen Daseins ist - eine Thematik, die Bertoncini sehr nahe gegangen ist: "Alle Gesten, einfach alles, was in diesem Stück vorkommt, ist nutzlos. Es ist nur die ewige Wiederholung von Dingen, die die Lebenszeit auffüllen. Ich denke, wir haben das auch im richtigen Leben überall. Als ich Becketts Stücke gelesen habe, habe ich plötzlich begonnen, mich selbst zu betrachten. Es ist unglaublich, wie viele Dinge wir tun, die einfach keinen Sinn ergeben. Am Ende des Tages denkt man sich: Wow, heute war der Tag wieder voll. Aber voll womit?".
Schutz vor Selbsterkenntnis
Aus einem anderen Bereich, nämlich dem Jazz, kommt der
Saxofonist Klaus Gesing. Der 1968 in Düsseldorf geborene
Musiker studierte in Den Haag in den Niederlanden Saxofon.
Eine wichtige Begegnung während dieser Zeit war jene
mit dem amerikanischen Saxofonisten Dave Liebman, der Gesing
dazu brachte, sich auf das Sopransaxofon zu konzentrieren.
Einer der weiteren Musikerkollegen, die seine Karriere in den Jahren darauf prägen, ist der italienische Pianist Glauco Venier. Mit ihm zusammen veröffentlicht er einige CDs, später kommt die britische Sängerin Norma Winstone hinzu. Neue Musik und frei improvisierte Musik sind jene Gebiete, denen sich Gesing vor allem in der letzten Zeit zugewendet hat. Für das Grabenfest hat er sich mit "Film", dem berühmten Kurzfilm von Samuel Beckett, auseinandergesetzt, in dem Buster Keaton alles daran setzt, sich vor den Augen anderer, aber auch vor seiner eigenen Wahrnehmung zu schützen. Tendenzen, sich selbst aus dem Weg zu gehen, hat es auch in der Musikgeschichte gegeben, findet Klaus Gesing.
Innovative Stilrichtungen
Der Österreicher Christian Bakanic ist der dritte Musiker,
der zum Grabenfest eine eigene Komposition beisteuert. Er
kommt aus dem Volksmusikbereich: mit acht Jahren hat Bakanic
begonnen, steirisches Akkordeon zu spielen, im Alter von 14
hat er in Graz mit dem Studium des klassischen Akkordeons
begonnen. Dass sich mit Volksmusik in Kombination mit anderen
Stilrichtungen, wie Jazz oder Tango, innovative Musik machen
lässt, beweist Bakanics Engagement in Ensembles mit dem
Namen "Folksmilch", "Beefolk" oder "Tanguano".
Eine besondere Stellung für Bakanics persönliche
Entwicklung hat das Ensemble "Beefolk" eingenommen.
Eine weitere Produktion eigens für das Grabenfest ist die Choreografie "instanded i turn" von den beiden Performancekünstlern Lito Walkey und Boris Hauf. Sie setzen sich ebenfalls mit Becketts "Film" auseinander. Damit nimmt dieses Werk Becketts wohl die zentralste Stellung im diesjährigen Grabenfest ein.
OE1, 27.06.2006 11:59 -- Sebastian Fleischer
