ÖBV Grabenfest 2008
„…aus freier Lust…verbunden…“
21., 24. und 27. 11.2008
Retro
Neue Kulisse für traditionsreiches Fest
Gott Fußball dirigierte bekanntermaßen 2008 im Sommer das Geschehen. Angesichts dieser „höheren Gewalt“ musste für das traditionell Ende Juni im GrabenHof in der Wiener Grillparzerstraße stattfindende GrabenFest ein anderer Austragungszeitpunkt und -ort gefunden werden. Eine Frage, die dank der Idee, die Räumlichkeiten der Alten Schmiede in der Wiener Schönlaterngasse mit zusätzlichem musikalischem Leben zu bereichern, seitens der ÖBV glänzend beantwortet wurde.
Und eines vorweg: Alle drei Festival-Abende hinterließen exakt jenen innovativen Eindruck, den Generaldirektor Dr. Johann Hauf am 21. November in seiner Eröffnungsrede „prophezeite“: sehr experimentell, sehr nach vorne gerichtet und extrem darauf bedacht, junges Musikschaffen zu fördern. Inhaltlich verantwortlich für die ÖBV-Musikschmiede zeichnete erstmals der 1975 in Linz geborene Komponist Gerald Resch. Als Motto für das 17. GrabenFest wurde eine Passage aus Friedrich Hölderlins lyrischem Briefroman „Hyperion “ gewählt: „Ich fühl` in mir ein Leben, das kein Gott geschaffen, und kein Sterblicher gezeugt. Ich glaube, dass wir durch uns selber sind, und nur aus freier Lust so innig mit dem All verbunden.“ Visionär anmutende Zeilen, die – quasi in freier Rhythmik – in die Festival-Devise „... aus freier Lust ... verbunden“ umgemünzt wurden.

Foto oben v.l.: Julia Purgina, Bratsche, Irene Frank, Violoncello, Caroline Menke, Kontrabass – das Trio Basso Lux stimmte ins diesjährige GrabenFest ein
Somit war bereits a priori für eine denkbar weit gefächerte musikalische Bandbreite gesorgt, die sich auch sofort am ersten Konzertabend bemerkbar machte. Einzige Konstante im Rahmen des Eröffnungskonzertes war die Tatsache, dass ausschließlich Werke für Streichinstrumente zu Gehör gebracht wurden. Stimmungsmäßig dominierte hingegen ein Wechselbad der Gefühle. So präsentierte das Ensemble Lux Johanna Doderers 2. Streichquartett sinnlich opulent und also ganz im Geiste der spürbar mit Verve und Herz komponierenden Bregenzerin.

Demgegenüber gänzlich konträr die kühle Ästhetik, die beispielsweise bei Klaus Langs Solostück „ägäische eisberge“ (meisterhaft interpretiert von Julia Purgina) oder Olga Neuwirths Streichquartett „settori“ als kompositorisches Prinzip fungierte. Doch noch ein Wort zur Bratschistin und Komponistin Julia Purgina: Ihre im Werk „Herbarium“ von der Natur inspirierten Klangminiaturen evozierten mannigfaltige Eindrücke und Gefühle. Gleichwohl windbewegte wie erdverbundene Stimmungsbilder, die auch bei der Uraufführung von Claudia Molitors für Streichquartett konzipiertem Werk „I am the cook ...“ (ein Kompositionsauftrag der ÖBV) spannungsgeladen zur Entfaltung gelangten.

Foto oben: Anna Hauf und Krassimir Sterev
Zweifellos einen der Höhepunkte stellte die erste Konzerthälfte des 2. Festivalabends dar. Stimme (Anna Claire Hauf) und Akkordeon (Krassimir Sterev) schienen tatsächlich „aus freier Lust verbunden“ und entführten in unterschiedliche Musikstile und -epochen. Nahezu nahtlos ineinander übergehend machten Werke von Bernhard Lang („Epilog“) und Boris Hauf („eyes know if“) den Auftakt. Zarte Klanggeflechte, die einerseits die Stimme zum Instrument erhoben, andererseits die indirekte Mitteilsamkeit instrumentaler Klänge auf wundersame Weise spiegelten.

Nicht minder ausgelotet war das musikalische Vokabular der Interpretinnen und Interpreten bei Aureliano Cattaneos expressiven „Dialoghi“-Auszügen, die wiederum in starkem Kontrast zu Claudio Monteverdis betörend schönem „Lamento d`Arianna“ (aus dem Jahr 1607) standen. Labsal für Herz und Seele, das postwendend auf humoristischem Wege konterkariert wurde. Namentlich mit R. Murray Schafers Mini-Musiktheater-Groteske „La testa d`Adriane“, im Rahmen derer die Protagonistin (Mezzosopranistin Anna Claire Hauf) in einem abgedunkelten Kuriositätenkabinett als „lautmalerischer Kopf“ für Furore sorgte.

Foto oben: Eva Reiter: Die Vielzahl an metallischen Werkzeugen und Geräten, die sich in der Werkstatt der Alten Schmiede befinden, waren digital aufgenommen worden und dienten als Grundlage der Komposition „biofuge“: „…aus freier Lust…verbunden“ – hier mit dem Ort der Aufführung.
In gänzlich anderer Hinsicht bemerkenswert und reizvoll präsentierte sich nach der Pause der Musikkosmos der Wiener Komponistin und Viola-da-Gamba-Spielerin Eva Reiter. Verkürzt formuliert beruht ihre Originalität in der Verschränkung historisch anmutender und zeitgenössischer Klänge. Oder anders formuliert: Viola da Gamba trifft auf E-Gitarre (Yaron Deutsch), Schlagzeug (Berndt Thurner) und Elektronik (Tontechnik: Alfred Reiter). In eben dieser Besetzung gelangte ihr neuestes – von der ÖBV initiiertes – Werk „Biofuge“ zur Uraufführung. Eine Komposition, die Atmosphäre und Ambiente der Alten Schmiede in den musikalischen Prozess zu integrieren verstand und nicht zuletzt für den mit Schmiedeeisen hantierenden Schlagwerker ein kleines Paradies darstellte.
Ganz im Zeichen der Improvisation stand das abschließende Festivalkonzert am 27. November. Ein Abend, der, wie Kurator Resch anmerkte, „ins Ungewisse“ führen sollte, zumal in „Echtzeit“ stattfindend und somit die Gunst des musikalischen Augenblicks ausschöpfend. Was auch tatsächlich auf allerhöchstem Niveau geschah. Denn mit Wolfgang Mitterer (Electronics), Wolfgang Reisinger (Drums), Raphael Preuschl (Bass) und Oliver Weber (Komposition, Laptop, Electronics) gingen vier Musiker der Spitzenklasse zu Werke.

Foto oben v.l.: Wolfgang Mitterer, Oliver Weber, der Komponist der Klanginstallation transition # 3, Raphael Preuschl und Wolfgang Reisinger
Während der Schweizer Komponist Oliver Weber für die Uraufführung von „transition # 3“ (Kompositionsauftrag der ÖBV) Ausschnitte vergangener GrabenFesttage als elektronisches Ausgangsmaterial verwendete, die in weiterer Folge live „weitergedacht“ wurden, hatte es in der zweiten Konzerthälfte den Anschein, als würde die Alte Schmiede – dank hervorragender Akustik – in einen räumlich und zeitlich entrückten Klang-Kosmos verwandelt werden. Wie in einem akustischen Spiegelkabinett reagierten die Musiker auf das jeweilige Schaffen des Anderen mit der finalen Botschaft, dass die Kunst des Einander-Zuhörens den Schlüssel für geglückte Improvisation darstellt.

Foto oben: Die Wiener Landesdirektoren Michael Walter (Stv.) und Erich Projer im Gespräch mit ÖBV-Vorstandsvorsitzenden Mag. Josef Trawöger.
Eine in vielerlei Hinsicht bereichernde Atmosphäre, die GD Dr. Hauf abschließend mit folgenden Worten auf den Punkt brachte: „Musik ist der beste Beweis, wie Demokratie funktionieren kann.“
Mag. Christine Dobretsberger
Journalistin

Foto oben: Der 1975 in Linz geborene Komponist Gerald Resch kuratierte 2008 das GrabenFest – sehr experimentell, nach vorne gerichtet und auf junges Musikschaffen bedacht, wie es den Intentionen des GrabenFests von jeher entspricht.
