Mit der ÖBV durchs Leben
Postämterschließungen und Briefmarktliberalisierung
„Die Belastungsgrenzen der Mitarbeiter/-innen sind absolut erreicht“, so Gewerkschaftschef Helmut Köstinger.
Postämterschließungen und die Marktliberalisierung im Briefsektor bewegen derzeit die heimische Post und deren Gewerkschaftsvertreter. Sie beklagen extrem steigenden Arbeitsdruck auf die Mitarbeiter/-innen, massiven Stellenabbau und sogar Mobbing durch Vorgesetzte. ÖBVaktiv traf den Vorsitzenden der Kommunikationsgewerkschaft gpf, Helmut Köstinger, zum Gespräch. Der oberste Personalvertreter der Post kennt die ÖBV schon lange: Als junger Postler verkaufte er seinerzeit selbst nebenberuflich ÖBV-Versicherungen.
Helmut Köstinger
ist seit 1. Jänner 2011 geschäftsführender und seit Juni 2011 gewählter Vorsitzender der gpf. Ein besonderes Anliegen ist ihm, die Situation von Mitarbeiter/-innen mit geringem Einkommen deutlich zu verbessern.
Zwei Erfolge kann er diesbezüglich bereits verbuchen: So gelang es ihm, Nachtdienstgeld für „Kollektivvertrag Neu“-Mitarbeiter/-innen durchzusetzen, denen ein solches bisher laut Kollektivvertrag nicht zustand. Und auch bei den diesjährigen Kollektivvertragsverhandlungen konnte er für Mitarbeiter/-innen mit geringem Einkommen besonders gute Erhöhungen erreichen.
ÖBVaktiv: Was sind derzeit die großen Themen der Kommunikationsgewerkschaft und der Personalvertretung der Post AG?
Helmut Köstinger: Das Aufgabenspektrum ist sehr umfangreich. In unseren Betrieben Post AG, A1 Telekom und Postbus gibt es derzeit leider massive Problemstellungen. Bei der Post sind die großen Themen Postämterschließungen, Personalreduktion und die Marktliberalisierung im Briefsegment.
ÖBVaktiv: Wie wird das Filialnetz der Post in Zukunft aussehen?
Helmut Köstinger: Auf unser Drängen und unsere Initiative hin ist eine neue Kooperation mit der BAWAG-PSK gelungen. Damit wird es bis Ende 2012 rund 520 gemeinsame neue Post/BAWAG-Filialen geben. Wir erhoffen uns dadurch eine langfristige Absicherung von 2000 Arbeitsplätzen im Filialnetz der Österreichischen Post AG.
Es gibt aber noch jede Menge an Problemstellungen, das heißt, hier wartet noch sehr viel Arbeit auf uns.
Um sozialverträgliche Lösungen für alle betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anbieten zu können, haben wir im Vorfeld auch einen Sozialplan entwickelt.
Wir arbeiten also intensiv daran, für jede und jeden einzelne/-n Betroffene/-n eine zumutbare und akzeptable Lösung zu finden: das geht von „Golden Handshakes“ bis hin zu Versetzungen in andere Dienststellen. Ich hoffe, dass das Kooperationskonzept mit BAWAG/PSK trotz Anlaufschwierigkeiten erfolgreich sein wird und wir damit viele Arbeitsplätze im Filialnetz absichern können.
ÖBVaktiv: Seit 1. Jänner ist der Briefmarkt liberalisiert ...
Helmut Köstinger: … was vermutlich Auswirkungen auf unsere Briefträgerinnen und Briefträger haben wird. Daher verhandeln wir bereits intensiv mit dem Management, damit möglichst viele Arbeitsplätze für die Zukunft abgesichert werden können. Ich bin zuversichtlich, weil unsere Kolleginnen und Kollegen im Zustelldienst tagtäglich beste Arbeit mit einer tollen Qualität leisten. So gesehen bin ich überzeugt, dass wir langfristig erfolgreich am Markt tätig sein werden und damit tausende Arbeitsplätze sichern können.
ÖBVaktiv: Inwieweit begegnet die gpf der zunehmenden Konkurrenz durch die Liberalisierung mit einer europaweiten Zusammenarbeit auf Gewerkschaftsebene?
Helmut Köstinger: Ich betreibe eine sehr enge Zusammenarbeit mit anderen europäischen Post-Gewerkschaften. Daher war ich heuer bereits zweimal in Brüssel, in Budapest und in Kroatien und kürzlich auch in der Schweiz, um mich mit anderen Gewerkschaften über ein gemeinsames Vorgehen auszutauschen. Die Liberalisierungswelle in Europa bringt die Kollegenschaft unter enormen Druck und zeigt bereits massive Auswirkungen. Daher muss hier seitens der Gewerkschaften massiv gegengesteuert werden.
Die aktuellen Krankheitsbilder der Mitarbeiter/-innen veranschaulichen ganz klar, dass viele mit dem Arbeitsdruck nicht mehr zurechtkommen. Da läuten bei mir die Alarmglocken. Auch dieses Thema wurde daher von mir in Brüssel ganz klar angesprochen und Gegenmaßnahmen seitens der Postgesellschaften eingefordert. Weiters habe ich eine EU-weite Überprüfung der Auswirkungen der Postliberalisierung gefordert.
Man darf bei diesem ganzen Liberalisierungswahn ja nicht vergessen, dass dies nicht nur Auswirkungen auf die Arbeitnehmer/-innen und somit auf hunderttausende Arbeitsplätze hat, sondern auch auf die Servicierung der Bevölkerung. Der ländliche Raum wird ausgedünnt und vor allem älteren Menschen, die nicht mehr mobil sind, ist es aufgrund der Schließungen nicht mehr möglich, ein Postamt zu erreichen – das kann noch ein großes Problem werden.
ÖBVaktiv: Lässt sich der zunehmende Arbeitsdruck beziffern?
Helmut Köstinger: Wir haben in den letzten fünf Jahren sowohl bei unseren Filialmitarbeiter/-innen als auch unseren Zusteller/-innen rund 40 % an Mehrbelastung festgestellt. Das ist eine gewaltige Produktivitätssteigerung, die seinesgleichen sucht.
Alle Kolleginnen und Kollegen haben sich in den letzten Jahren den neuen großen Herausforderungen gestellt, haben sich für eine langfristige Arbeitsplatzsicherung besonders engagiert. Nur: Dieses Bemühen wurde vom Management nicht honoriert. Im Gegenteil: Anstelle Arbeitsplätze zu sichern, scheint es vordringlichste Aufgabe des Managements zu sein, Personal abzubauen.
Dass damit der Druck auf die Kollegenschaft enorm steigt, ist nachvollziehbar. Fälle von Burnout nehmen zu, und ich höre nahezu tagtäglich, dass die Belastungsgrenzen absolut erreicht sind.
ÖBVaktiv: Wie würden Sie sich als Gewerkschafter selbst beschreiben? Sind Sie eher jemand, der stark auf Konfrontationskurs geht oder sind Sie eher konsensorientiert?
Helmut Köstinger: Ich bin stolz, dass ich diese Arbeit machen darf, es ist eine große Herausforderung. Ich war in den vergangenen Jahren konsensorientiert und habe immer versucht, gemeinsam mit dem Management Lösungen zu erarbeiten, die für die Belegschaft zumutbar waren. Allerdings ist es in der Zwischenzeit – konkret seit dem Börsegang 2006 – kaum mehr möglich, auf dem Verhandlungsweg zumutbare Ergebnisse zu erzielen. Daher hat sich auch mein Verhalten gegenüber dem Management generell geändert, und es kracht immer öfter.
Das Management vertritt den Standpunkt: Kosten reduzieren, koste es, was es wolle. Das bringt permanente Konfrontationen mit sich. Ich weiche diesen Konfrontationen nicht aus und sehe es als meine vordringliche Aufgabe, hier mit aller Kraft gemeinsam mit meinem Team für das zu kämpfen, wofür es sich zu kämpfen lohnt: nämlich tausende Arbeitsplätze abzusichern – wir haben immerhin weit über 20.000 Arbeitsplätze in der Post AG. Durch die neue Situation sehen wir uns auch oftmals gezwungen, Problemstellungen vor Gericht entscheiden zu lassen.
Sollte das Management den Druck auf die Mitarbeiter/-innen weiter erhöhen, werden wir als Gewerkschaft Kampfmaßnahmen setzen. Wir haben immerhin über 50.000 Mitglieder und können rasch mobilisieren. Ich schließe eine gröbere Konfrontation in den nächsten Monaten und Jahren daher nicht aus. Es geht nicht nur um Stellenabbau. Es geht auch um den Umgang einzelner Vorgesetzter mit den Mitarbeiter/-innen – Stichwort Mobbing. Die nächsten Monate werden zeigen, ob der neue Weg der Post mit der Belegschaft oder gegen die Belegschaft begangen wird.
Persönlich ist mir wichtig, dass in diesen schwierigen Zeiten die gesamte Arbeitnehmerschaft wieder näher zusammenrückt, dann können wir der Postführung auch weiterhin erfolgreich die Stirn bieten. Unser vorrangiges Ziel ist und bleibt, Kündigungen auch weiterhin abzuwehren und zumutbare Arbeitsbedingungen zu erhalten.
ÖBVaktiv: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Who is who?
Helmut Köstinger, geboren am 13.10.1957 in Judenburg
Vater eines 29-jährigen Sohnes und einer 24-jährigen Tochter
Pflichtschulabschluss
Kaufmännische Ausbildung
Erfolgreicher Abschluss einer Abendschule (Beamtenmatura)
1981 Eintritt in den Postdienst
1981–1995 Ausübung sämtlicher postalischer Tätigkeiten (von Zustellung bis zur Leitung einer Dienststelle)
Seit 1984 Mandatsträger in zahlreichen Funktionen der Personalvertretung und Gewerkschaft
1995 Abschluss der Otto-Möbes-Akademie mit ausgezeichnetem Erfolg
Seit 1. Februar 2001 im Zentralausschuss in sämtlichen operativen Bereichen tätig
2001–2003 Zentralausschuss-Projektleiter für die Brieflogistik NEU
2003–2005 Zentralausschuss-Projektleiter für die Paketlogistik NEU
Ab 2006 Hauptverantwortlicher für die Brief- und Paketlogistik
Seit 18.10.2010 Vorsitzender des Zentralausschusses der Bediensteten der Österreichischen Post AG
Seit 1.1.2011 gf. Vorsitzender der Gewerkschaft der Post- und Fernmeldebediensteten
Seit 8. Juni 2011 Vorsitzender der Gewerkschaft der Post- und Fernmeldebediensteten
