die ÖBV in der Presse
Andere Förderung anderer Kunst
Wenn sich die Politik aus der Kultur verabschiedet, greifen manchmal
Einzelne ein: Eine Begegnung mit Johann Hauf, Generaldirektor der
Beamtenversicherung
Es ist ja nicht so, dass in einer Versicherung nichts geschieht;
dass eine Lebensversicherung etwa erst mit dem Ableben aktiv wird;
oder dass die Tätigkeit einer Pensionsversicherung im Warten
auf die Pensionierung (von anderen natürlich) bestünde.
Im Gegenteil: Alles ist wimmelnde Aktivität, das gegenwärtig
Machen einer Zukunft, die weiter gefasst wird als ein Versicherungsfall
- weshalb auch Kunstsponsoring dazugehört.
Sitzt man im luftigen Büro in der Wiener Grillparzerstraße
etwa dem Generaldirektor der hierin äußerst aktiven Österreichischen
Beamtenversicherung, Johann Hauf, gegenüber und fragt ihn,
was ein Generaldirektor eigentlich mache, dann lacht er: "Das
hat mich ein lieber Freund in London auch einmal gefragt."
Die Frage ist aber auch deshalb berechtigt, weil die Beamtenversicherung
unter Hauf eine Kulturförderung betreibt, die nicht auf "große
Namen" aus ist, sondern das Vernachlässigte, aber Gegenwärtige
vorstellt: Primär die neue Musik seit 1991;
Literatur durch Buchankäufe und Veranstaltungen und - in Kooperationen
- auch Symposien, 2001 etwa zum Thema "Moderne" mit Stars
wie dem Literaturtheoretiker Terry Eagleton.
Ein Verdacht: Dieser eine Generaldirektor zumindest nützt jede
freie Minute, um zu lesen. "Nur: Schreiben kann ich nicht so
gut, das überlasse ich meinen Mitarbeitern Strohschein und
Enichlmayr, ich bin eher ein Musikant."
Welches Instrument? "Schlagzeug. Ich spiele auch jetzt noch
Jazz."
Lieblingskomponist, klassisch? "Mahler". -
Soviel Kunstsinn lässt an Franz Kafkas "Arbeiterunfallversicherungsanstalt
für die böhmischen Länder" denken, in der es
offensichtlich auch nicht nur um die Verhinderung von Unfällen
(durch strengere Sicherheitsauflagen), sondern zugleich um Kunst
ging: Der Generaldirektor Marschner arbeitete selbst wissenschaftlich
über Goethe und Nietzsche; Eugen Lederer, Direktor der Unfall-Abteilung,
veröffentlichte Lyrik in tschechischer Sprache, der im Nebenzimmer
arbeitende Alois Gütling, der Kafka jahrelang mit technischen
und statistischen Berechnungen zuarbeitete, publizierte drei Gedichtbände
(konsequent also, dass Reiner Stach aus seiner Kafkabiographie am
28. 11. just in der Beamtenversicherung lesen wird).
Es ist im weiteren auch diese Tradition, die dazu führte, dass
in Österreich größere Versicherungen wie die Generali
und die Österreichische Beamtenversicherung auch durch ebensolche,
scheinbar artfremde, Aktivitäten in der Öffentlichkeit
bekannt geworden sind: durch eine Förderung, die ganz anders
ist als diejenige, die groß in den Medien vorkommt.
Es ist eben nicht das Mäzenatentum eines Alberto Vilar, der
eine Übersetzungsanlage für die Staatsoper finanziert
oder einen ganzen Konzertsaal in Wien oder Opern in Salzburg: Das
klingt imposant, aber die Gegenwart, konkrete kreative Arbeit an
und in dieser, wird, wörtlich, ausgespart. Und dem Staat wird
gleichzeitig durch die hohe Privatspende ein Argument für den
weiteren Rückzug aus der Kunstförderung geliefert.
"Ich wollte nie das ohnehin Anerkannte fördern",
sagt Johann Hauf, "sondern etwas, was vielleicht Zukunft ist".
Aber: Sosehr es auch an der Initiative eines Einzelnen liegt, denkt
der 1943 in Wien geborene Hauf doch an sein Unternehmen und die
Mitarbeiter: "Wissen Sie, ich halte Provinzialität einfach
nicht aus. Und moderne Kunst verhindert jeden Provinzialismus. Es
fördert auch die Kommunikation im Unternehmen und nach außen".
Das scheint eine aus der Praxis herkommende Antwort auf die widersprüchlichen
Forderungen von Politikern, die immer massiver nach "privaten
Subventionen" im Feld "Kunst" rufen: Staatssekretär
Franz Morak erklärte Kultur ja zum Wirtschaftsfaktor und forderte
einerseits stärkeres Engagement der Unternehmen für kulturelle
Veranstaltungen, anderseits mahnte er finanzielle Eigenständigkeit
der Veranstalter ein. Renommierte Projekte finden aber leichter
Partner in der Wirtschaft als experimentelle.
An diesem Punkt steigt die Beamtenversicherung ein. "Wobei
es mich am meisten freut", so der Generaldirektor, "wenn
Mitarbeiter des Hauses hier etwas entdecken. Aber es lässt
sich auch nichts erzwingen, das wäre Unsinn."
Das Sponsoring reicht von Zeitschriften (Wespennest) hin zur Bildenden
Kunst. Und: "An den Geburtstagen bekommt jeder Mitarbeiter,
jede Mitarbeiterin ein Buch." Am bekanntesten: die seit 1991
jährlich im Sommer abgehaltenen "Grabenfesttage",
jeweils mit Kompositionsaufträgen zu einem Themenkreis. "Was
da etwa zum Projekt Odyssee herauskam, das hat mich persönlich
sehr gefreut", so der Weltbürger, der "nie Heimweh
nach Österreich hatte".
Der Standard 26.10.2002 - Richard Reichensperger
