die ÖBV in der Presse
Weiss in allen Farben: GrabenfestTage
Als sie 1998 auf Einladung der schule für dichtung in Wien war, sah sie die Stadt ihrer Kindheit zum ersten Mal nach 60 Jahren wieder. Ruth Weiss, als Kind österreichisch-jüdischer Eltern in Berlin geboren, konnte 1938 in einem der letzten Emigrantenzüge entkommen. Eine Getriebene, Unstete ist sie freilich lange Zeit geblieben: New York - Chicago - Kalifornien lauteten die wichtigsten Stationen in den kommenden Jahren, in denen sie auf beiden Seiten des Atlantik auch per Anhalter durch die Lande reiste.
1949 trug die 21-Jährige in Chicago erstmals eigene Lyrik zu Jazzmusik vor. Als die Beat-Ära begann, war Ruth Weiss in San Francisco - und sofort mittendrin. „Du schreibst bessere Haikus als ich", soll Jack Kerouac zu ihr gesagt haben, mit dem sie eine enge Freundschaft verband.
Dichterkollege Jack Hirschman meinte: „Andere lesen zu Jazz und schreiben über Jazz. Ruth Weiss macht Jazz in Worten." White Is All Colors ist jenes Gedicht aus ihrer Feder, dass den GrabenfestTagen 2004 als Motto dient: Weiss, mittlerweile 76, ist wieder in Wien und steht an allen drei Abenden im Mittelpunkt des sorgfältig kuratierten Festivals: Julia Hülsmann, Ming Wang sowie Mayako Kubo sind die verantwortlichen Komponistinnen für die musikalische Umrahmung, als SolistInnen treten zudem Sängerin Anna Lauvergnac, Yi-Chih Lu (Klavier), Bernd Thurner (Schlagwerk) und Eiko Morikawa (Stimme) in Erscheinung.
Der Standard, 23.06.2004
