die ÖBV in der Presse
Schmissige Heimkehr einer Poetry-Pionierin
Wien - Als ihr am Ende ein Sträußchen Edelweiß überreicht wurde, bekam selbst sie feuchte Augen. Dass Ruth Weiss auf Einladung der Grabenfesttage 2004 wieder einmal in die Stadt ihrer Kindheit zurückkehren konnte, darüber zeigte sich die 76-Jährige im Grabenhof sicht- und spürbar gerührt.
Die Erinnerungen an ihre fünf Wiener Jahre zwischen 1933 und 1938 sind frisch geblieben, wie die Geschichte von der Statue im Foyer ihres Wohnhauses in der Alsergrunder Thurngasse zeigte:
Ein zugleich Furcht einflößender und Mitleid erregender steinerner Mann wäre da am Fuße der Treppe gesessen; erst als sie 1998 nach 60 Jahren erstmals wieder in Wien weilte und die Orte ihrer Kindheit aufsuchte, erkannte sie in ihm Prometheus, den Aufbegehrenden, der sie scheinbar schon damals ermutigt hatte, gegen alle Widerstände ihren eigenen Weg zu gehen.
Weiss, die weibliche Stimme der Beat-Generation, die in den 50er-Jahren in San Francisco vor allem mit Jack Kerouac in künstlerischem Austausch stand und noch vor ihren männlichen Kollegen die Zusammenführung von Lyrik und Jazzimprovisation erprobte, hat sich ihre Wachheit und den schmissigen Charme bis heute bewahrt.
Angesichts dessen konnte man im Grabenhof mitunter die hintersinnige Tiefe von Gedichten wie „White Is All Colors" überhören, in dem sie gekonnt mit der Vieldeutigkeit ihres Namens als Vexierbild zwischen Erinnerung und (Neu-) Beginn, zwischen monadischem Urgrund des Seins und Tabula rasa spielte.
Etwas zu unverbindlich garnierte das von den Grabenfesttagen rekrutierte Trio aus Boris Sinclair Hauf (Tenorsaxofon], Achim Tang (Bass) und Lukas Knöfler (Schlagzeug) diese klaren Verse mit freien Klängen. Als Hauf zu einem mit Free-Jazz-Reminiszenzen gespickten Soloexkurs ansetzte, da stand der alten Dame die Verblüffung ins Gesicht geschrieben.
Der erste Teil des Abends kam über die Rolle eines
Präludiums nicht hinaus: Die Berliner Pianistin Julia
Hülsmann präsentierte neue Kompositionen zu Texten
von Sängerin Anna Lauvergnac, mit Hauf-Tang-Knöfler
als hörbar ungewohnter Band-Basis. Nur momentweise atmeten
Hülsmanns zuweilen Thelonious Monk und Keith Jarrett
reflektierende Stücke jene sparsame Geschmackssicherheit,
mit der sie im Rahmen ihrer E.-E.-Cummings- und Randy-Newman-Programme
reüssiert hatte, deren textliche Substanz man vermisste.
Vielleicht hätte doch auch hier ein Bezug auf das Oeuvre
von Ruth Weiss nicht geschadet. Möglicherweise hätte
sie dann sogar eine winzigkleine Träne zerdrückt.
Andreas Felber, Der Standard, 25.06.2004
