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Ohne Lehrerinnen und Lehrer wird’s nicht gehen!

Paul Kimberger, Vorsitzender der Pflichtschullehrer-Gewerkschaft (APS) und der ARGE LehrerInnen in der GÖD sowie Zentralausschuss-Vorsitzender, im Gespräch über Schule heute und morgen. 

ÖBVaktiv: Sie waren Personalvertreter und sind oberster „Lehrergewerkschaftschef“. Wie würden Sie sich selbst charakterisieren, auch in Ihrer Rolle als Vis-à-vis in Verhandlungen mit der Regierung?

Kimberger: Das ist keine leichte Frage. Vielleicht kurz zu meiner Biographie: Ich bin gelernter Hauptschullehrer in den Fächern Mathematik, Sport und Informatik und war 15 Jahre lang an drei Linzer Schwerpunktschulen tätig. 2006 bin ich freigestellter Personalvertreter im Zentralausschuss in Oberösterreich geworden und 2011 hatte ich das Privileg und die Ehre, Walter Riegler an der Bundesspitze nachzufolgen und dann auch den Vorsitz in der ARGE LehrerInnen in der GÖD zu übernehmen. Grundsätzlich lege ich Wert auf ein großes Netzwerk, auf viele Kontakte zur Basis, denn ich will die wahren Bildungsexperten in meine Strategien einbeziehen. Letztendlich geht es für mich darum, die Rahmenbedingungen in den Schulen so zu gestalten, dass wir unseren Kindern eine gute Zukunft mit großen Chancen garantieren können.

Viele Politikerinnen und Politiker haben eigentlich keine Ahnung, wie die Realität in unseren Klassenzimmern aussieht. Deshalb braucht die Regierung ein Korrektiv. Wir sind dafür legitimiert, uns ministerielle Bildungsreformen genau anzuschauen und vor allem auf ihre Praktikabilität zu prüfen.



Aus meiner Sicht können Reformen nur mit den Menschen gemacht werden und nicht gegen sie. Das ist der Kardinalfehler der Bildungspolitik der letzten zehn Jahre.

ÖBVaktiv: Was war in Ihrer Laufbahn als Lehrer ausschlaggebend dafür, sich in einem solchen Ausmaß für die Gewerkschaft zu engagieren?

Kimberger: Ich habe ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden das hatte ich schon in meiner Jugend, nicht immer zur Freude meiner Lehrerinnen und Lehrer und meiner Mutter. Als Junglehrer wählte ich für Veränderungen den Weg über die Personalvertretung und die Gewerkschaft. Das Schöne an der Spitzenposition, die ich mittlerweile innehabe, ist, dass es eine gestalterische Aufgabe ist.

ÖBVaktiv: Was sind die aktuellen Herausforderungen Ihrer Tätigkeit?

Kimberger: Wir brauchen endlich Bildungsreformen, die den Schulen, den Kindern und den Lehrerinnen und Lehrern mit ihren täglichen Herausforderungen in den Klassenzimmern gerecht werden. In manchen Bereichen – wie der Abschaffung der Sonderschulen – gehen die Entwicklungen in eine völlig falsche Richtung. Wir brauchen für Kinder in besonderen Betreuungsverhältnissen etwa bessere Fördermöglichkeiten, denn die sind in regulären Klassen nicht in ausreichendem Maße vorhanden.

ÖBVaktiv: Bis 2025 geht etwa die Hälfte der Lehrkräfte in Pension. Wird es schwierig werden, entsprechenden Nachwuchs zu finden?

Kimberger: Definitiv. Man kann sich von anderen Bildungssystemen – etwa Skandinavien – das eine oder andere abschauen. Kein Politiker, kein Medium käme dort auf die Idee, sich auf Kosten der Lehrerinnen und Lehrer zu profilieren. Bildung muss also wieder zu einer gesamtgesellschaftlichen Angelegenheit werden und Leistung muss auch in unserer Gesellschaft wieder etwas wert sein. Man müsste schon jetzt in die Schulen gehen und dort werben: Bitte werdet Lehrer.

ÖBVaktiv: Den Lehrerinnen und Lehrern wird häufig die Schuld gegeben, wenn gesellschaftlich etwas schief läuft. Kann die Gewerkschaft die Unterrichtenden vor Vorurteilen schützen?

Kimberger: Das ist etwas schizophren. Einerseits traut man der Schule viel zu: Tritt ein Problem auf, soll es die Schule lösen. Andererseits kritisiert man die Lehrerinnen und Lehrer, dass sie den Kindern nichts mehr beibringen, Stichwort „PISA“.

Unsere Lehrerinnen und Lehrer leisten hervorragende Arbeit, die Rolle des Lehrers und der Lehrerin hat sich in den letzten Jahren enorm verändert – von der Wissensvermittlung weg, hin zur Erziehungsarbeit. Die Rahmenbedingungen sind für Lehrerinnen und Lehrer schwieriger geworden, in den letzten eineinhalb Jahren zusätzlich verschärft durch die Flüchtlingskrise, besonders in den Zentralräumen. Hier sind die Lehrkräfte an ihrer Leistungsgrenze angekommen, sind teilweise darüber hinaus gegangen.  

Aber gerade in den letzten beiden Jahren hat sich auch das Bild des Lehrers und der Lehrerin geändert. Es ist sichtbar geworden, wie großartig sie unter teilweise schwierigsten Bedingungen ihre Arbeit machen. Die Institution Schule ist meiner Meinung nach auch eine Sicherheitseinrichtung. Wenn es uns gelingt, unbegleitete Minderjährige aus Syrien, dem Iran, Afghanistan etc. die Sprache beizubringen, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren, dann werden wir jene soziale Bombe entschärfen können, die im Moment tickt.

ÖBVaktiv: Was sind Ihre Visionen für die Entwicklung des Schulwesens?

Kimberger: Wie können wir unsere Ziele erreichen? Das wird nur im Sinne der Menschenbildung gehen – damit kritisiere ich auch den Messfetischismus in unserer Gesellschaft. Es gibt eben Dinge, die sehr schwer zu vermessen sind. Was macht den Menschen aus? Wie gehen wir miteinander um? Es geht um Moral und Ethik, um Werte bis hin zur Demokratie.

Schule muss sich natürlich gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen, aber nicht allen. Es gibt Dinge, die kritisch zu hinterfragen sind, es gibt Dinge, bei denen man gegensteuern muss. Meine Vision ist eine Schule, die Kinder befähigt, ein glückliches selbstbestimmtes Leben zu führen. Eines wird die Schule immer prägen: die Persönlichkeit der Lehrerinnen und Lehrer. Ohne sie wird es nicht gehen. Ein System ohne Menschen dahinter hat noch nie funktioniert.

ÖBVaktiv: Eine Frage an den Informatiker Paul Kimberger: Ist die Digitalisierung schon in den Schulen angekommen? Was sind die nächsten Schritte, um die Digitalisierung in den Schulen zu verankern?

Kimberger: Viele Lehrerinnen und Lehrer sind bemüht, den Kindern den letzten Stand der Technik eigeninitiativ und mit eigenen technischen Geräten zu vermitteln. Ich halte nichts davon, Digitalisierung als Fach einzuführen. Wir müssen das in jedem Fach und in der Lehreraus-, -fort- und -weiterbildung unterbringen.

ÖBVaktiv: Wir danken für das Gespräch.

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