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Der Blick aufs Pensionskonto ist für Frauen eine böse Überraschung!

Interview mit Manuela Vollmann, Gründerin und Geschäftsführerin von ABZ*Austria








© Foto Volker Hoffmann

Wir haben anlässlich des Weltfrauentags am 08. März mit Mag. Manuela Vollmann, Gründerin und Geschäftsführerin von ABZ*AUSTRIA, gesprochen.

ABZ steht für Arbeit, Bildung, Zukunft. Das 1992 als Projekt für Wiedereinsteigerinnen gegründete Social Business verfolgt die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt, in der Bildung und in der Wirtschaft. Heute arbeiten rund 150 MitarbeiterInnen in verschiedenen Projekten und Beratungszentren in Österreich. Mehr auf www.abzaustria.at

ÖBV: Liebe Frau Vollmann, Sie haben ABZ*AUSTRIA im Jahr 1992 gegründet. Sie beschäftigen sich mit der Gleichstellung von Frauen am Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft. Wir schreiben jetzt 2019. Warum braucht es Ihre Organisation noch immer?

Manuela Vollmann: Es braucht uns gerade deswegen mehr denn je um das, was schon passiert ist und noch passieren wird, zu erzählen. Die guten Beispiele, die Geschichten von Unternehmen und von einzelnen Personen. Wir haben noch immer eine Einkommensschere, die sich später sehr negativ auf die Pensionen von Frauen auswirkt. Wir haben, und das wird unserer Meinung nach zu wenig betont, auch einen Gender-Time-Gap.
Wenn Frauen mehr Hausarbeit, Kindererziehung und Pflegearbeit leisten und sich weniger in die Erwerbsarbeit einklinken, dann bleibt den Frauen weniger Zeit für sich selbst. Das ist etwas, das ganz viel mit Gleichstellung zu tun hat: Selbstbestimmung. Das ist in den letzten 27 Jahren nicht gelöst worden.
Es gibt aber Beispiele in Unternehmen, in Familien, in Systemen, in Organisationen, wo es gelöst worden ist. 

ÖBV: Können Sie von so einem Beispiel erzählen?

Manuela Vollmann: Wir sagen seit Langem, dass wir lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle brauchen. Wie schaut denn ein Lebenszyklus aus, wann kann ich mehr arbeiten, wann weniger, wie ist überhaupt die Verteilung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit? Wir brauchen neue Modelle, zum Beispiel, wenn man ein Kleinkind hat. Und das auch für Führungskräfte, denn die sind Vorbilder. Es gibt Modelle, die beinhalten, dass sowohl Männer als auch Frauen ihre Arbeitszeiten reduzieren.
Gesetzlich gibt es sehr gute Möglichkeiten und Rahmenbedingungen, die zum Teil zu wenig kommuniziert sind. Wir wissen aus Studien, dass, wenn ein Kind geboren wird, viele Frauen – auch gut qualifizierte – ihre Arbeitszeit nach dem Wiedereinstieg auf 20 Stunden reduzieren, während die Männer insgesamt nach der Geburt eines Kindes mehr arbeiten als zuvor. Diesen Stereotypen und Zuschreibungen, dass vor allem Frauen für die Haus- und Versorgungsarbeit verantwortlich sind, wollen wir entgegenwirken.

Das ist ein wichtiges Thema, gerade in Zeiten der Digitalisierung, da sollten wir nicht platt über Arbeitszeiten diskutieren, ohne den Sinn dahinter zu suchen. Es geht wirtschaftlich ja auch darum, dass wir lange und gesund arbeiten können, dass wir später in Pension gehen. Da müssen wir in Zukunft mehr auf die Lebensphasen eingehen.

ÖBV: Sie wollen, wenn ich aus Ihrem Leitbild zitieren darf, Vielfalt und gleiche Chancen am Arbeitsmarkt herstellen. Was sind die größten Hindernisse, denen Sie begegnen?

Manuela Vollmann: Wir haben im Moment drei große Debatten: Die erste ist die metoo-Debatte, die wir noch nie so hatten, in Österreich und weltweit. Wir haben auch die Debatte zur Digitalisierung. Aus unserer Sicht fehlt in der Digitalisierungsdebatte die Gender-Perspektive völlig. Wir sehen die Gefahr, dass wieder das passiert, was schon vor 20 oder 30 Jahren passiert ist. Nur wenige fragen, wer Digitalisierung und die Strukturen dahinter gestaltet. Die Debatte um digital inclusion wird meiner Meinung nach nicht ausreichend geführt.
Wenn es uns nicht gelingt, die Themen Gender und Diversity einzubringen, dann verfestigen wir wieder Strukturen, die nicht gleichstellungsorientiert sind. Wie viele weibliche Technologie-Größen fallen uns denn ein? Manche Menschen antworten auf diese Frage: Alexa und Siri. Das finde ich ein aufrüttelndes Beispiel. Die künstlichen und serviceorientierten Frauenstimmen.

Die dritte Debatte ist auch eine große Aufgabe für ABZ*AUSTRIA und steht mit den beiden schon genannten Themen im Zusammenhang, nämlich der Arbeitsmarkt und was hier passiert. Wie viele Frauen arbeiten in prekären Verhältnissen? Arbeit, Bildung und Arbeitsmarkt werden zu wenig beleuchtet. Es ist notwendig, hinzuschauen. So lange ich nicht mein eigenes Geld verdiene, bin ich nicht wirklich unabhängig und selbstbestimmt. Wie sieht die Arbeitswelt aus, die Beschäftigung und ein positiver Einsatz der Digitalisierung, das ist zentral, wenn wir die Entwicklung der Arbeitswelt diskutieren.

ÖBV: Kindererziehung und die Pflege von Angehörigen sind nach wie vor weitgehend Frauensache. Wird das so bleiben?

Manuela Vollmann: Ich glaube nicht. Ja, wir haben zu wenige Kinderbetreuungsmöglichkeiten, quantitativ und auch qualitativ. Es muss in qualitative Betreuung investiert werden. Auch in Ganztagsschulen, in diese Strukturen.

Teilzeitarbeit ist auch ein wichtiges Thema für uns. Wenn man die einrechnet, dann kommen wir bei den Frauen nur auf eine Beschäftigungsquote von 56%. Im 21. Jahrhundert und mit gut ausgebildeten jungen Frauen ist das nicht viel. Andererseits: Frauen sollen Vereinbarkeit schaffen, und das ist ja ein Mythos. Das funktioniert, wenn Großeltern oder Freundinnen unterstützen oder man sich eine Babysitterin leisten kann. Das können die wenigsten.

Grundsätzlich glaube ich trotzdem, dass wir im Umbruch sind. Die Frage ist, wann der eintreten wird. Es wird auch in den nächsten zehn Jahren nicht fifty-fifty werden, aber der Weg geht dorthin. Ich glaube, dass mit der sogenannten vierten industriellen Revolution und dem Internet of things auch eine Veränderung einhergeht, ein Umdenken hinsichtlich klassischer Geschlechter-Rollen und der Teilung in bezahlte und unbezahlte Arbeit stattfindet.

Auch das Thema Pflege wird in Zukunft immer wichtiger. Noch ist es sehr tabuisiert. Da ist Vereinbarkeit noch schwieriger zu schaffen. Teilzeit korreliert auch mit Pflege. Man steigt aus oder geht in Teilzeit und das sind dann erst wieder mehr Frauen. Da sind wir dann wieder bei der Frage, wie selbstbestimmt Frauen mit geringem Einkommen oder ohne eigenes Einkommen sind.

Vielleicht müssen wir auch anders auf das Thema Teilzeit schauen, das ist oft so negativ behaftet. Es gibt nun einmal Lebensphasen, es gibt Zeiten, in denen man weniger Erwerbsarbeit leisten kann oder will.

ÖBV: Einschnitte in der Erwerbsbiographie bzw. Arbeit in schlechter bezahlten Berufen und Branchen wirken sich auf die Höhe der Pension aus. Ist das Ihrer Erfahrung nach den Frauen bewusst?

Manuela Vollmann: Unserer Erfahrung nach ist das den Frauen viel zu wenig bewusst, viel zu wenig klar. Es wird auch viel zu wenig diskutiert. Als die schriftliche Verständigung über die Pension erstmals gekommen ist, haben wir gemerkt, dass viele Frauen davor gesessen sind und sich gedacht haben: „Das kann ja bitte nicht wahr sein!“ Es ist aber relativ schnell wieder abgeflacht, wurde auch kaum aufgegriffen. Das wäre ein zentrales Aufklärungsthema! Das müsste man viel breiter thematisieren, sichtbar machen!

ÖBV: Was kann jede einzelne Frau für sich selbst tun, um nicht in die Altersarmut zu geraten?

Manuela Vollmann: Gibt es leistbare Zusatzversicherungen? Und das Pensionssplitting, das ist auch viel zu wenig bekannt! Ich habe Kolleginnen erlebt, die hart verhandelt haben mit ihren Partnern.

Junge Frauen, die da noch viel bewegen können, können sich Mentorinnen suchen, die den Berufsweg, die Karriere und die Herausforderungen der Arbeitswelt begleiten, mit Erfahrungsaustausch Unterstützung leisten.

Frauen sollten sich generell gut beraten lassen, zum Beispiel bei ABZ*AUSTRIA oder in ähnlichen Organisationen. Es gibt da gute und viele Möglichkeiten, die qualitätsvoll, kostenlos und anonym sind, etwa das Frauenberufszentrum. Alleine bei uns werden 1.700 Frauen im Jahr beraten. Das Frauenberufszentrum gibt es von Wien, über Vorarlberg bis ins Burgenland. Die Workshops sind sehr unterschiedlich, es gibt auch Schulungen zum Thema persönliche Finanzen. Frauen werden auch bei sehr heiklen Themen beraten und unterstützt.

Und wenn wir schon beim Geld sind: Auch bei Bewerbungen gilt: sich nicht kleiner machen, wenn es um Gehaltsverhandlungen geht. Und nicht unter den eigenen Qualifikationen in einen Job einsteigen. Gerade beim Einstieg in ein Unternehmen ist das ganz wichtig.

ÖBV: Wie können Unternehmen Frauen bestmöglich dabei unterstützen, nicht in Altersarmut zu geraten?

Manuela Vollmann: Etwa die genannten Mentorinnen-Projekte anbieten, auch Cross Mentoring, das heißt mehrere Betriebe, eine Mentee aus einem Unternehmen, der Mentor oder die Mentorin aus einem anderen. Das finde ich besonders spannend.

Die Unternehmen sind gut beraten, dabei bleiben wir, ein professionelles Auszeiten- und Karenzmanagement zu haben, das sich an den Lebensphasen der MitarbeiterInnen orientiert. Darin haben wir viel Erfahrung. Da gibt es ein wirklich gutes Tool und wenn sie das profund machen, dann gehen sie mehrere Themen an: Gleichstellung für Frauen und Männer, gerade auch in Führungspositionen, Reduktion von Fluktuation und Förderung von Employer Branding. Arbeitsplatznahe Qualifizierungen sind ein nächster Punkt. Weiterbildungen sollten allen ArbeitnehmerInnen angeboten werden und sich für das Unternehmen auch lohnen. Österreich bietet dahingehend gute gesetzliche Möglichkeiten, nur die Strukturen sind teilweise noch etwas starr. Daran arbeiten wir von ABZ*AUSTRIA. Deshalb braucht es uns heute immer noch.

ÖBV: Vielen Dank für das Gespräch!

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