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Lehrlingsausbildung bei den ÖBB

Für die Zukunft der ÖBB ist gut ausgebildetes Personal überaus wichtig

Im Eisenbahnbereich gelten hohe Sicherheitsanforderungen. Um diese zuverlässig zu erfüllen, ist Personal mit hohem Fachwissen notwendig. Bei den ÖBB hat man früh erkannt, dass ohne eigene Lehrlingsausbildung zukünftig ein Arbeitskräftemangel droht.

Neue Lehrwerkstatt im 10. Bezirk

Um diesem Bedarf gerecht zu werden, eröffnete im Herbst des vergangenen Jahres die neue ÖBB-Lehrwerkstätte Wien Hebbelplatz im 10. Wiener Gemeindebezirk. Das ÖBVaktiv Redaktionsteam besuchte die topmoderne Lehrwerkstätte sowie die ÖBB Technische Services GmbH - Standort Simmering. 

Die neue ÖBB-Lehrwerkstätte am Hebbelplatz bietet den Lehrlingen eine Anbindung an die Wiener U-Bahn-Linie U1 und kann somit von den Lehrlingen in kürzester Zeit erreicht werden. Auf einer Fläche von ca. 10.000 Quadratmetern entsprechen Werkstätten, Klassenzimmer und Labors höchsten Ansprüchen. Mit der Vergrößerung der bislang zur Verfügung stehenden Fläche konnte auch die Anzahl an Ausbildungsplätzen von bisher 420 auf 650 angehoben werden.

Generationenwechsel

Warum investiert der ÖBB-Konzern so stark in die Lehrlingsausbildung, während andere Unternehmen kaum mehr Lehrlinge ausbilden? Einer der Hauptgründe für dieses Engagement ist, dass bei den ÖBB ein Generationswechsel ansteht. Sehr viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ÖBB (rund ein Drittel) werden in den nächsten Jahren in Pension gehen. Gut ausgebildeten Ersatz für dieses Personal nur am freien Markt zu finden, ist laut Dipl. Päd. Günter Hell, dem Bereichsleiter Lehrlingswesen in der ÖBB-Infrastruktur AG, kaum möglich. Im Eisenbahnbereich ist eine sehr fachspezifische Ausbildung vonnöten: 22 unterschiedliche Lehrberufe können bei den ÖBB erlernt werden, davon vier kaufmännische, elf technische und sieben eisenbahnspezifische Berufe. Günter Hell erklärt: „Von Speditionskauffrau/-mann oder der Ausbildung im Sektor Mobilitätsservice, bis hin zu technischen Lehrberufen wie Gleisbautechnik, Kfz-Technik, Systemelektronik oder Metall- und Elektroberufen ist alles dabei.“

Große Auswahl an Lehrberufen

Derzeit bildet der ÖBB-Konzern 1.900 Lehrlinge aus, 85 Prozent davon erlernen einen technischen Beruf. In der Basisausbildung werden die Lehrlinge auf ihre späteren Tätigkeitsfelder vorbereitet. Daher werden zuerst ArbeitnehmerInnenschutzvorschriften, das Verhalten im Gleisbereich und ähnliche Grundlagen erlernt. Nach der Grundausbildung folgt eine intensive Praxis in den einzelnen Bereichen des ÖBB-Konzerns, wobei die Ausbildungsstelle in Rotation alle sechs Monate gewechselt wird. Danach besteht die Möglichkeit, sich auf Eisenbahnspezialberufe, welche gemeinsam mit den Sozialpartnern in der Wirtschaftskammer entworfen wurden, weiter zu qualifizieren. Darunter finden sich viele eisenbahnspezifische Berufe wie TriebfahrzeugführerIn, FahrdienstleiterIn, EisenbahnsicherungstechnikerIn, EisenbahnelektrotechnikerIn oder EisenbahninstandhaltungstechnikerIn.

Im Fokus: Erhöhung der Frauenquote

Die Gesamtdauer der Lehrlingsausbildung beläuft sich auf dreieinhalb bis vier Jahre. „Derzeit werden 65 Prozent der ausgebildeten Lehrlinge übernommen, jedoch wollen und müssen wir diese Quote weiter steigern, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu ersetzen, die in Pension gehen“, so Günter Hell.

Wichtig ist den Ausbildungsverantwortlichen, die Frauen- bzw. Mädchenquote bei der Lehrlingsausbildung zu erhöhen. Am Standort Hebbelplatz erlernen derzeit 83 weibliche Lehrlinge einen technischen Beruf, bundesweit sind 345 Mädchen in Ausbildung (technische und kaufmännische Lehrberufe gesamt), das sind immerhin rund 18 Prozent aller auszubildenden Lehrlinge.

Die ÖBB Lehrlingsausbildung hat eine lange Geschichte

Dass die Lehrlingsausbildung bei den ÖBB diesen hohen Stellenwert hat, liegt laut Günter Hell an der Tatsache, dass die zuständigen ÖBB-Vorstände voll und ganz dahinter stehen. Begonnen wurde die Lehrlingsausbildung bei den ÖBB übrigens 1895 in Knittelfeld. Dank des unermüdlichen Einsatzes vieler Betriebsräte wurden auch „schlechte“ Zeiten überwunden, in denen viele andere Betriebe ihre Lehrlingsausbildung eingestellt haben. Pro Jahr nimmt die ÖBB derzeit rund 585 Lehrlinge auf, wobei hinter jedem Jugendlichen eine „Bestellerfirma“ im Konzern steht. Demnach geben die einzelnen Konzerngesellschaften an, welche und wie viele Fachkräfte jeweils benötigt werden. Die Lehrlingsausbildung ist somit kein „Selbstzweck“, die Auftraggeber vergüten den Ausbildungsverrechnungssatz und begleichen die Lehrlingsentschädigung.

Erfolgreich bei Wettbewerben

Die Verantwortlichen der ÖBB-Lehrlingsausbildung sehen übrigens auch die Teilnahme an Wettbewerben als sehr wichtig an, um das Ausbildungsniveau mit anderen Firmen zu vergleichen. In den letzten Jahren hat die ÖBB-Lehrlingsausbildung die Landessieger in Mechatronik und Elektrotechnik hervorgebracht, worauf Günter Hell besonders stolz ist.

Ausbildungen abseits der Lehre

Neben der fachlichen Ausbildung ist Alois Grill, dem pädagogischen Leiter der ÖBB-Lehrlingsausbildung, aber auch die Persönlichkeitsentwicklung der Lehrlinge ein besonderes Anliegen. Hierfür werden Geschichts- und Gesundheitsprojekte angeboten, ein Musical auf Einladung des Unternehmens besucht oder auch die Teilnahme an Demokratiewerkstatt-Projekten ermöglicht. Ebenso werden die Lehrlinge über mögliche finanzielle Fallen aufgeklärt, damit sie mit ihrem ersten selbstverdienten Geld auch sinnvoll umgehen können. „Unsere Ausbildnerinnen und Ausbildner sind ISO-zertifiziert“, betont Alois Grill. 

Aufnahmekriterien

Dass das Interesse an der ÖBB-Lehrlingsausbildung groß ist, zeigen die über 270 Schulklassen, die das Lehrlingszentrums im vorigen Jahr besucht haben. Es gibt zahlreiche Schnuppertage in den Lehrwerkstätten und mit über 50 Messebesuchen wird versucht, eine ausreichende Anzahl an guten Bewerberinnen und Bewerbern zu finden. Im Sinne hoher Qualität werden in der Lehrlingsausbildung der ÖBB auch Selektionsmaßnahmen gesetzt. Bewerberinnen und Bewerber werden vor ihrer Aufnahme ins Lehrlingsprogramm hinsichtlich Allgemeinbildung und ihren Kenntnissen in Schreiben, Rechnen und der englischen Sprache getestet. 

Vom Lehrling zur Führungskraft

Wer die Aufnahmetests positiv absolviert und während der Ausbildung sein Bestes gibt, dem stehen alle Karrierechancen bei den ÖBB offen. Günter Hell und Alois Grill sind stolz darauf, dass auch viele Top-Positionen bei den ÖBB durch Personen besetzt werden, die ihre berufliche Laufbahn als Lehrling bei den ÖBB begonnen haben.

Die neu gebaute ÖBB Lehrwerkstätte am Hebbelplatz im 10. Wiener Gemeindebezirk
© Andreas Buchberger

Günter Hell, der Leiter der Lehrlingsausbildung bei der ÖBB-Infrastruktur AG im Gespräch mit der ÖBVaktiv Redaktion.
© Eva Enichlmayr

Die ÖBB Lehrlinge Turhan Seyma und Michelle Brandlhofer vor einer ÖBB Railjet-Garnitur im TS-Werk Simmering. Die Lehrlinge führen in Abstimmung mit ihren Ausbildnern unterschiedliche Wartungsarbeiten an den Railjets durch. In einem rollierenden System, bei dem der Ausbildungsplatz nach der Grundausbildung alle sechs Monate wechselt, lernen die Lehrlinge mehrere Tätigkeitsbereiche innerhalb der ÖBB kennen.
© Eva Enichlmayr

Alois Grill, der pädagogische Leiter der ÖBB-Lehrwerkstätte am Hebbelplatz, mit dem Lehrling Anja Granitz an einer Drehbank in der ÖBB-Lehrwerkstätte Wien.
© Eva Enichlmayr



Mai 2019

Eine Klasse in der ÖBB Lehrwerkstätte Wien während des Unterrichts.
© Eva Enichlmayr

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