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Zwei Meinungen zu den Herausforderungen in unserem Schulsystem

ÖBVaktiv stellte den LehrerInnengewerkschaftsvertreterInnen Karin Medits-Steiner und Thomas Krebs Fragen zur Schule von heute, zum Schulsystem von morgen und zu ihren Wünschen an die neue Regierung.

Karin Medits-Steiner
Lehrerin an der NMS Grundsteingasse, 1160 Wien Seit 2004 Vorsitzende des DA 10.IB Seit 2014 Vorsitzende-Stv.in des Zentralausschusses der Wiener LandeslehrerInnen Mitglied der erweiterten Bundesleitung 10 in der GÖD

ÖBVaktiv: Welche Themen beschäftigen Sie als Gewerkschaftsvertreterin derzeit?

Medits-Steiner: Derzeit sind das Bildungspaket der neuen Regierung und die Umsetzung des Autonomiepakets in der Schule die zwei wichtigsten Themen. Es ist zu befürchten, dass die im Regierungsprogramm eingeforderten Standards in erster Linie durch Evaluierungen, Prüfungen, Noten, Kontrollen und Sanktionen erreicht werden sollen. Welche Auswirkungen dies auf die Arbeitswelt der Lehrerinnen und Lehrer haben wird, ist derzeit nicht ersichtlich, genauso wenig wie die Definition einer ergebnis- und leistungsorientierten Bezahlung für Lehrerinnen und Lehrer.

ÖBVaktiv: Worin sehen Sie die größten Herausforderungen im schulischen Alltag?

Medits-Steiner: In den nächsten Jahren gehen viele Kolleginnen und Kollegen in Pension. Aufgrund dieser Pensionierungen und der Ausbildungsverlängerung kann es zu Problemen bei der Nachbesetzung freier Dienstposten kommen. Die Supportsysteme für Schulen müssen ausgebaut werden. Wichtig ist, dass diese in der Schule vor Ort integriert sind, um bei Bedarf schnell, effizient und unbürokratisch eingesetzt werden zu können. Notwendig ist daher eine sozialindizierte Ressourcenzuteilung, damit Bildung nicht vom Einkommen und Bildungsstand der Eltern abhängig bleibt. Für die Schulleiterinnen und Schulleiter ist eine administrative Unterstützung unabdingbar und schon seit vielen Jahren eine Forderung der Gewerkschaft.

ÖBVaktiv: Was sind Ihre Wünsche an die neue Regierung?

Medits-Steiner: Im Regierungsprogramm findet man im Abschnitt „Zukunft und Gesellschaft“ durchaus nachvollziehbare Ansätze, wie z. B. die besondere Bedeutung der Lehrerinnen und Lehrer sowie die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. Hingegen hinterfrage ich die Passage, bei der es um Vereinheitlichung und Standardisierung der Notengebung sowie die kontinuierliche Feststellung des Leistungsfortschritts geht. Dies wäre eine Abkehr von derzeitigen autonomen Entscheidungsmöglichkeiten der Schulpartner.
Im Regierungsprogramm wird auch eine Entbürokratisierung im schulischen Bereich versprochen. Laufend standardisierte Überprüfungen sowie der Aufwand mit der Bildung von Deutschklassen zu Schuljahresbeginn lassen viele Schulleiterinnen und Schulleiter daran zweifeln. Ich erwarte von der neuen Bundesregierung, dass sie der pädagogischen und fachlichen Expertise der Lehrerinnen und Lehrer Vertrauen entgegenbringt.

ÖBVaktiv: Zum Thema Digitalisierung: Sehen Sie darin eine Chance oder ein Risiko für Bildung?

Medits-Steiner: Die Digitalisierung erfordert von uns, Bildung und Ausbildung neu zu überdenken. Der Einsatz von digitalen Medien wird ein hohes Maß an individualisiertem Lernen ermöglichen und unsere Arbeit in überwiegend heterogenen Gruppen unterstützen. Dabei werden sich auch die Aufgaben der Lehrerinnen und Lehrer ändern. Diese Entwicklung werden wir als Gewerkschaft zu begleiten wissen.

ÖBVaktiv: Wo sehen Sie das Bildungssystem 2030?

Medits-Steiner: Lehrerinnen und Lehrer bleiben die tragende Säule von Schulen, an denen nicht selektiv, sondern vernetzt gelernt wird. In einer digitalen Welt werden die in der Schule vermittelten sozialen Kompetenzen immer mehr an Bedeutung gewinnen.






Thomas Krebs
Seit 1987 NMS-Lehrer in Wien, meistens klassenführend Seit 1999 neben der Unterrichtstätigkeit Mitglied der örtlichen Personalvertretung Seit 2009 Vorsitzender des Gremiums Seit 2012 Zentralausschuss-Mitglied Seit 12.2.2018 Vorsitzender des Zentralausschusses der Wiener LandeslehrerInnen

ÖBVaktiv: Welche Themen beschäftigen Sie als Gewerkschaftsvertreter derzeit?

Krebs: Zurzeit beschäftigt mich ganz besonders das Thema Gewalt gegen Lehrerinnen und Lehrer. Vorfälle, bei denen diese Opfer von verbalen, medialen oder körperlichen Übergriffen werden, mehren sich. Ein weiteres Arbeitsfeld ist die Umsetzung des Bildungsreformgesetzes, das eine vollständige Neuordnung der Behörde bedeutet.

ÖBVaktiv: Worin sehen Sie die größten Herausforderungen im schulischen Alltag?

Krebs: Das Spannungsfeld, einen modernen, abwechslungsreichen Unterricht zu bieten und riesengroße, soziale Lücken in der Schule ausgleichen zu müssen - das stellt für mich mehr als nur eine Herausforderung dar. Der Schule wurden zu viele Aufgaben übertragen, die sie einfach nicht zu leisten imstande ist.

ÖBVaktiv: Was sind Ihre Wünsche an die neue Regierung?

Krebs: Viele Reformen der letzten Jahre haben kaum Nutzen im schulischen Alltag gebracht, waren aber mit einem riesigen bürokratischen Aufwand verbunden. Ich würde mich freuen, wenn Vernunft die Bildungspolitik beherrscht und der Dialog mit der LehrerInnenschaft stattfindet.
Die PädagogInnenausbildung neu gehört überarbeitet. Wir benötigen dringend wieder das Lehramt für Sonderpädagogik. Generell muss der Beruf LehrerIn wieder attraktiv gemacht werden. Es erwartet uns in ganz Österreich ein Lehrerinnen- und Lehrermangel, von dem Wien besonders stark betroffen ist. Umso wichtiger ist es, dass sich junge Menschen, aber auch solche, die berufliche Veränderung suchen, für den wunderschönen Beruf interessieren.

ÖBVaktiv: Zum Thema Digitalisierung: Sehen Sie darin eine Chance oder ein Risiko für Bildung?

Krebs: Digitalisierung ist ein Teil unseres Lebens – privat und beruflich. Digitalisierung spielt im schulischen Alltag bereits eine große Rolle, trotzdem bleiben grundlegende Kulturtechniken und soziale Kompetenzen wichtige Voraussetzungen für Bildung. Nicht unterschätzen darf man die Kostenfrage, die sozial durchaus entzweien kann.

ÖBVaktiv: Wo sehen Sie das Bildungssystem 2030?

Krebs: Die langen Diskussionen zur Organisationsfrage der Schule haben uns nirgendwohin gebracht. Es wird eher die Besinnung auf Inhalte, die die Schule übernimmt, nicht übernehmen kann oder gar nicht übernehmen darf, im Vordergrund stehen. Die Schule soll in Zukunft dort einspringen, wo im häuslichen Umfeld des Kindes nichts Ausreichendes geboten werden kann. Ich halte Systeme, die zentral für alle Vorgaben erstellen, nicht für zielführend. Darunter fällt etwa die ganztägige Betreuung. Warum soll man den Eltern die Entscheidung nehmen, wo, wie und wie lange ihr Kind betreut werden soll? Ziel muss es sein, möglichst alle SchulabgängerInnen in ein unabhängiges Leben zu führen. Wir dürfen die Durchlässigkeit unseres Schulsystems nicht aufgeben, auch die Vielfalt der Bildung soll bestehen bleiben, ja sogar ausgebaut werden. Außerdem wünsche ich mir wieder den Grundgedanken, dass Bildung auch in der Eigenverantwortung liegt. Und dass Bildung manchmal auch mit Mühen verbunden ist und nicht nur Spaß macht, sollte wieder selbstverständlich sein.








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