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In Schwebe

… oder was Viktoria Körösis geformte Bilder mit einem Schaf zu tun haben.

Weiße Leinwandobjekte mit neonfarbenen Lichtreflexen, streng geometrische Gebilde in nahezu magisch wirkender plastischer Ausdehnung; Malerei oder Objekt, oder gar beides? Vieles bleibt im Werk der 1977 in Budapest geborenen und in der Tradition der ungarischen Neo-Avantgarde geschulten Künstlerin in Schwebe, auch für die zahlreichen Gäste der festlichen Vernissage.

Am 14. Mai 2019 wurde die erste Wiener Ausstellung von Viktoria Körosi der Öffentlichkeit übergeben, „eine für unser Atrium wiederum einzigartige Ausstellung, die wirkt, als wäre die Kunst eigens dafür geschaffen worden oder umgekehrt das Atrium für die Kunst“ (Vorstandsvorsitzender Mag. Josef Trawöger bei der Begrüßung). Gestaltet wurde die inspirierende Präsentation von der Kuratorin Jacqueline Chanton.

Schon bei den ersten Tastengriffen durch den hervorragenden Pianisten Benjamin Zumpfe begann sich die Klaviermusik von Bach über Mozart und Webern auf Körösis geformte Bilder und die umgebende Architektur einzuschwingen, was dem Laudator des Abends, Dr. Berthold Ecker (Wien Museum), beifällige Worte entlockte: „Gebundenheit und Regeln können auch sehr inspirierend sein, sobald man mit ihnen vertraut ist“, so Ecker die Künstlerin zitierend. „Körösi bedient sich dieser Regeln mit spielerischer Leichtigkeit. Das selbe lässt sich auch über die eben gehörte Musik mit ihren strukturellen Gegebenheiten sagen.“

Körösis künstlerisches Prinzip ist, laut kunsthistorischer Expertise des Laudators, die Beschränkung der bildnerischen Mittel auf eine meist geometrische Form und auf die Struktur der verwendeten Materialien. Damit steht die Künstlerin in einer langen Tradition der geometrischen Abstraktion, beginnend mit dem „Schwarzen Quadrat“ von Kasimir Malewitsch über die „Shaped Canvases“ von Frank Stella, der Hard Edge Malerei eines Josef Albers oder Ellsworth Kelly bis zu jüngeren Strömungen wie Neo Geo und allen Formen der Konkreten Kunst. All diesen Bewegungen ist das Bestreben nach einer reinen, „puren“ Art von Kunst gemein und wird von Viktoria Körösi auf ganz individuelle Weise fortgeführt.

Nach der künstlerischen Ausbildung an der Moholy-Nagy-Universität für Kunst und Design in Budapest und einem mehrjährigem Aufenthalt in Hamburg, wo sie erste Ausstellungen bestritt, verlegte Körösi vor drei Jahren ihren Lebens- und Schaffensmittelpunkt nach Linz. Schon in Hamburg, vor allem aber in Linz entstanden ihre persönliche Spielart der „Shaped Canvases“ sowie die Serien „Polsterobjekte“, „Faltungen“ und „Faltobjekte“. Die im ÖBV Atrium daraus gezeigten Arbeiten der letzten fünf Jahre legen den Fokus auf die dreidimensionale Verform- und Spannbarkeit flexibler Materialien wie Leinwand, Baumwolle, Jute oder Latex und stellen zugleich das stets ausbalancierte Form- und Raumgefühl der Künstlerin unter Beweis. Farbe kommt äußerst reduziert und wohlakzentuiert zu Einsatz: in Form von flirrenden Lichtreflexen auf Weiß, erzeugt durch die mit Neonfarben bemalten, gefalteten und umgeschlagenen Rückseiten der körperbildenden Materialien oder durch das Objekt selbst, wie bei „Zwei Kreise“ (2019) aus irisierendem Latex auf Holz, das im Zentrum der Atrium-Stirnwand alle Blicke auf sich zieht.

„Seit über fünf Jahren experimentiere ich damit, plastische Bilder zu gestalten –  als Erweiterung traditioneller Malerei. Die Betrachter*innen meiner Werke möchte ich dazu ermutigen, sie selbst zu entschlüsseln“, fordert Viktoria Körösi ihr Publikum auf. Nun es ist tatsächlich eine Versuchung, dies nicht nur gedanklich, sondern auch durch buchstäbliches „Be-Greifen“ zu tun, oder schlimmer noch, durch das physische Eindringen in die Oberfläche eines ihrer geheimnisvoll gewölbten Wandobjekte mit schemenhaftem Inhalt.

Und das führt uns zuletzt zu einer Anekdote, die Berthold Ecker in seiner Ansprache so trefflich auf dieses Phänomen anzuwenden wusste: „Erst unlängst hat Thomas Ribi in der Neuen Züricher Zeitung das Gleichnis des Schafes im ,Kleinen Prinzenʻ von Antoine de Saint-Exupéry auf die konkrete Kunst angewandt. Es ist die Geschichte von dem Schaf, und zwar genau dem einen Schaf, das der kleine Prinz gezeichnet haben will, das aber nicht darstellbar ist, weil es sich als Schaf aller Schafe in des Prinzen Kopf und nur dort befindet. Die Lösung in der Erzählung ist eine gezeichnete Schachtel, in der sich das Schaf aufhält. Wir sehen also die Verpackung und in ihr sind alle Schafe, die wir denken können, also auch das des kleinen Prinzen. Auf Körösis Kunst übersetzt heißt das: Wir sehen, was wir glauben zu sehen. Die Künstlerin zeichnet uns auf vollendete Weise eine Schachtel, in der die Wunder unserer Imagination verborgen sind.“

(Mag.a Maria Christine Holter, Kunsthistorikerin und Kuratorin in Wien)

Fotos: © Karl Grabherr

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