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„Gerechtigkeit muss immer an erster Stelle stehen“

Öbvaktiv im Gespräch mit Roman Hebenstreit, dem neuen Vorsitzenden der Gewerkschaft vida.

ÖBVaktiv: Was beschäftigt Sie als neuen vida-Vorsitzenden derzeit am meisten?

Hebenstreit: Brennendstes Thema ist unser Kampf um höhere Mindestlöhne. Viele Branchen, die wir vertreten, sind im Niedriglohnbereich angesiedelt, vom Taxilenker bis zur Friseurin. Auch sie sollen ein Einkommen haben, von dem man leben kann. Unser Ziel sind 1.700 Euro Mindestlohn. Auf dem Weg dahin sind 1.500 Euro eine erste Etappe.


ÖBVaktiv: „Können wir uns nicht leisten“ heißt es von den Arbeitgebern oft.

Hebenstreit: „Wollen wir uns nicht leisten“ wäre wohl ehrlicher. Und „Das müssen wir uns leisten!“ ist die einzig richtige Antwort. Leistung muss sich lohnen – was ist aus diesem von der Wirtschaft so gerne strapazierten Satz geworden? Was es mit uns sicher nicht geben wird, ist ein Abtausch Mindestlohn gegen Arbeitszeitflexibilisierung. Denn gemeint ist nicht Flexibilisierung, die Beschäftigten sind bereits flexibel genug. Gemeint ist, dass Überstunden gratis geleistet werden sollen.

ÖBVaktiv: Stichwort Arbeitszeit – was fordert die Gewerkschaft?

Hebenstreit: Statt Zuschläge zu streichen, fordern wir Arbeitszeitverkürzungen durch Zeitzuschläge. Etwa für die rund 660.000 SchichtarbeiterInnen in Österreich. Sie sollen für die Überbelastung, die aus den unterschiedlichsten Arbeitszeiten quer über Tag, Nacht und Wochenenden entsteht, Zeitzuschläge gutgeschrieben bekommen. Diese könnten sie dann etwa für einen früheren Pensionsantritt einlösen.

ÖBVaktiv: Vor welchen Herausforderungen steht die vida noch? Hebenstreit: Gemeinsam mit anderen Gewerkschaften kämpfen wir gegen Lohn- und Sozialdumping. Staaten dürfen sich keine Wettbewerbsvorteile auf dem Rücken der ArbeitnehmerInnen verschaffen. Und auch die Digitalisierung beschäftigt uns. Die Arbeitswelt darf sich nicht von den sozialen Errungenschaften verabschieden. Deshalb sorgen wir dafür, dass die Interessen der Beschäftigten gehört werden.

ÖBVaktiv: Die Digitalisierung in der Arbeitswelt ist, wie angesprochen, auf dem Vormarsch. Sind Ängste vor Jobverlust begründet?

Hebenstreit: Wir fürchten uns nicht vor der Automatisierung oder der Digitalisierung. Wir gehen davon aus, dass sogar neue Jobs geschaffen werden. Die Frage ist nur, welche Art von Jobs?! Es gibt zwei Varianten: Die einen sagen, es werden Jobs sein, die höherer Qualifikation bedürfen. Andere sagen wiederum, es werden Tätigkeiten gefragt sein, die mehr in Richtung Hilfsarbeit gehen.

Klar ist: Beide Varianten werden für die Gewerkschaft eine besondere Herausforderung sein. Am Ende des Tages geht es schließlich darum, das man von diesen Jobs leben kann.

ÖBVaktiv: In jüngster Zeit hat es immer wieder heftige Kritik am Arbeitsinspektorat gegeben. Sind die Aufstände auf Arbeitgeberseite berechtigt?

Hebenstreit: Das Gegenteil ist der Fall. Die Arbeitsinspektorate leisten wertvollste Arbeit im Vermeiden von Arbeitsunfällen. Seit Bestehen des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes in dieser Form seit 1995 verzeichnen wir pro Jahr um ungefähr 60.000 Arbeitsunfälle weniger. Wir sind von rund 160.000 auf 100.000 hinunter. Was wir auch in Zukunft brauchen sind klare Regeln, strenge Kontrollen und harte Strafen bei Missachtung.


ÖBVaktiv: Große Aufregung hat es in den vergangenen Monaten auch immer wieder um verhinderte Betriebsratsgründungen, wie etwa bei Müller oder ServusTV, gegeben. 

Hebenstreit: Ich orte leider einen Trend in Österreich, dass Menschen, die sich betriebsrätlich organisieren und engagieren wollen, gekündigt werden. Das Verhindern eines Betriebsrats ist eine Straftat für mich. Die verantwortlichen Manager dürfen nicht ungeschoren davonkommen, wenn ein Betriebsrat etwa durch die Kündigung engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verhindert wird. 

ÖBVaktiv: Was wünschen Sie sich für die Zukunft? 

Hebenstreit: Mir geht es um Gerechtigkeit. Sie muss immer an erster Stelle stehen – ob politische Grundsätze, Sozialpartnerverhandlungen, Löhne oder die Zukunft der Arbeitswelt. Hier bedarf es unserer Solidarität und dabei kann es für uns kaum Kompromisse geben. Schließlich haben unsere Mitglieder ein Recht darauf, dass wir für sie kämpfen! 

09.06.2017

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